Das schlechte Gewissen der Republik

Elfriede Jelinek hat Österreich ein Leben lang den Spiegel vorgehalten. Dafür wurde sie beschimpft, angefeindet und schließlich mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Nun wird die große Unbequeme achtzig Jahre alt. Eine Würdigung.

Bernhard Baumgartner

Österreich hat ein bemerkenswertes Talent im Umgang mit großen Künstlern. Zuerst macht man ihnen das Leben schwer, dann treibt man sie außer Landes, und wenn sie international berühmt geworden sind, erklärt man sie kurzerhand zum nationalen Kulturgut. Bei Thomas Bernhard hat das ganz ausgezeichnet funktioniert. Bei Elfriede Jelinek nicht minder. Die Schriftstellerin, die jahrzehntelang als „Nestbeschmutzerin“, „Vaterlandsverräterin“ und Zumutung galt, ist längst zu einer Art literarischem Staatswappen geworden. Man schmückt sich mit ihr, auch wenn man sich von ihr weiterhin nicht besonders gern etwas sagen lässt. Eine österreichische Geschichte, wie sie im Buche steht. Und eine, die Jelinek vermutlich mit jenem bösen Vergnügen sezieren würde, das ihre Literatur so unverwechselbar macht.

Am 20. Oktober wird Elfriede Jelinek achtzig Jahre alt. Dass sie diesen Geburtstag feiern kann, ist ein Glücksfall. Nicht nur für sie selbst, sondern auch für die österreichische Literatur, die ohne diese große Unbequeme um vieles ärmer wäre. Kaum jemand hat die österreichische Literatur der vergangenen fünf Jahrzehnte so nachhaltig geprägt wie sie. Und kaum jemand hat sich dabei so konsequent geweigert, den Erwartungen des Publikums zu entsprechen.

Elfriede Jelinek im Oktober 2004, drei Wochen nach dem Nobelpreis. Die Doku „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“, derzeit wieder im Kino. Foto: Karin RochollPolyfilm

Jelinek war nie eine Schriftstellerin, die es ihren Lesern leicht machen wollte. Sie wollte ihnen nicht gefallen, sie wollte ihnen etwas zumuten. Das ist ein Unterschied, den man gerade in einer Zeit, in der selbst die Literatur zunehmend nach den Regeln des Unterhaltungsbetriebs funktionieren soll, nicht hoch genug einschätzen kann.

Ihre frühen Arbeiten richteten sich gegen die Verlogenheit des arrivierten Bürgertums, gegen die Selbstgewissheit einer Gesellschaft, die ihre Gewaltverhältnisse hinter guten Manieren verbarg. In Romanen wie „Die Liebhaberinnen“, „Die Klavierspielerin“ oder „Lust“ zerlegte sie die vermeintlich heile Welt der Familie, die Macht der Männer über Frauen, die Ökonomie der Beziehungen und die sexuelle Unterdrückung. Dabei verzichtete sie auf jede Form sentimentaler Schonung. Ihre Figuren durften leiden, aber sie durften sich nicht in der Behaglichkeit einer wohlgeordneten Romanwelt einrichten.

Jelineks Österreich war nie das Land der gemütlichen Kaffeehäuser, der freundlichen Menschen und der seligen Operettenmelodien. Es war ein Land der verdrängten Vergangenheit, des fortlebenden Nationalsozialismus, der sozialen Grausamkeit und der erschreckenden Bereitschaft, sich mit den Verhältnissen abzufinden, solange man selbst davon profitierte. Die Autorin legte ihre Finger dorthin, wo es wehtat. Und weil es wehtat, wurde sie gehasst.

In den neunziger Jahren war Jelinek längst zu einer öffentlichen Reizfigur geworden. Ihre politischen Interventionen, ihre Kritik an Jörg Haider und der FPÖ, ihre Auseinandersetzung mit der österreichischen Vergangenheit machten sie zum bevorzugten Feindbild jener, die unter Heimatliebe vor allem das Recht verstanden, von unangenehmen Wahrheiten verschont zu bleiben. Als „Nestbeschmutzerin“ wurde sie geschmäht, als „Vaterlandsverräterin“ verunglimpft. Jelinek ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie schrieb weiter, gegen die Verhältnisse und gegen jene, die diese Verhältnisse für naturgegeben hielten.

Jelinek zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück (1997).

Dann kam das Jahr 2004. Die Schwedische Akademie verlieh ihr den Literaturnobelpreis. Nicht für ein einzelnes Werk, sondern für ein literarisches Gesamtwerk, dessen sprachliche Radikalität und gesellschaftskritische Kraft international längst Anerkennung gefunden hatten. Plötzlich war die einst als „Nestbeschmutzerin“ Geschmähte die erste österreichische Literaturnobelpreisträgerin. Und das offizielle Österreich durfte sich über eine Auszeichnung freuen, deren Empfängerin ihm jahrzehntelang vorgehalten hatte, wie wenig Anlass zur Freude es eigentlich bot.

Es war eine geradezu perfekte Pointe. Denn der Nobelpreis veränderte nicht Jelinek, sondern ihren Platz in der öffentlichen Wahrnehmung. Aus der unbequemen Außenseiterin wurde eine Institution. Wer sie früher beschimpft hatte, musste nun zumindest zur Kenntnis nehmen, dass die Weltliteratur andere Maßstäbe anlegte als der heimische Stammtisch. Jelinek war plötzlich etwas, worauf Österreich stolz sein konnte. Dass sie Österreich weiterhin mit beträchtlicher Skepsis betrachtete, störte dabei erstaunlich wenig.

Freilich wäre es ungerecht, ihr Werk auf diese politische Rolle zu reduzieren. Jelinek ist weit mehr als eine scharfzüngige Kommentatorin österreichischer Zustände. Ihre eigentliche Revolution fand in der Sprache statt.

Sie hat die Literatur von einer ganzen Reihe vertrauter Gewissheiten befreit. Von der Vorstellung etwa, ein Roman müsse sympathische Figuren besitzen. Oder ein Theaterstück eine nachvollziehbare Handlung, einen Anfang, einen Höhepunkt und einen Schluss. Bei Jelinek wird die Sprache selbst zum Ereignis. Sie spricht, widerspricht, wiederholt, verzerrt und entlarvt. Sie nimmt Redewendungen beim Wort, bis deren verborgene Gemeinheiten sichtbar werden. Sie führt die Sprache vor, indem sie diese gegen sich selbst antreten lässt.

In einem Gespräch mit Hans-Jürgen Heinrichs bezeichnete sie ihre Figuren einmal als „Kleiderbügel, auf die ich die Sprache hänge“. Ein wunderbarer Satz, der mehr über ihr Schreiben verrät als manche literaturwissenschaftliche Abhandlung. Denn tatsächlich sind ihre Figuren häufig keine psychologisch ausgearbeiteten Individuen, sondern Träger von Stimmen, gesellschaftlichen Haltungen und sprachlichen Mustern. Sie sprechen nicht nur, sie werden gewissermaßen von der Sprache gesprochen.

Jelinek-Porträt zum Literaturnobelpreis 2004 (auf schwedisch)

Für das Theater war das eine Befreiung und eine Herausforderung zugleich. Wer einen Text von Elfriede Jelinek inszeniert, bekommt häufig kein fertiges Stück im herkömmlichen Sinn geliefert. Da sind Sprachflächen, Gedankenströme, Monologe, Stimmen und Assoziationen, aber nicht unbedingt jene Figuren und Handlungsanweisungen, mit denen das traditionelle Theater seine Geschichten erzählt. Der Regisseur oder Dramaturg wird gewissermaßen zum Bildhauer, der aus einem mächtigen Sprachmonolithen erst das Theaterstück herausschlagen muss. Was dabei entsteht, hängt nicht zuletzt von seiner Fantasie, seinem handwerklichen Können und seiner eigenen Interpretation ab. Derselbe Text kann auf der einen Bühne zur grotesken Komödie werden, auf der anderen zur politischen Anklage oder zum düsteren Sprachkonzert. Jelinek überlässt dem Theater damit einen ungewöhnlich großen schöpferischen Freiraum. Sie liefert nicht die fertige Skulptur, sondern den Stein, aus dem sie entstehen kann.

Sie hat damit nicht nur bedeutende Stücke geschrieben, sondern auch die Möglichkeiten des Theaters erweitert. Das ist eine Leistung, die weit über Österreich hinausreicht.

Dass sie selbst dem öffentlichen Theaterbetrieb zunehmend fernblieb, gehört zu den Widersprüchen ihrer Karriere. Während ihre Texte auf den großen Bühnen des deutschen Sprachraums gespielt wurden, zog sich die Autorin immer weiter aus der Öffentlichkeit zurück. Schon 2004 war es ihr aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich, zur Verleihung des Literaturnobelpreises nach Stockholm zu reisen. Stattdessen schickte sie eine Videoaufzeichnung ihrer Nobelvorlesung mit dem Titel „Im Abseits“. Treffender hätte sie ihre Position kaum beschreiben können. „Sein Platz ist immer außerhalb“, heißt es darin über den Dichter. Das war keine kokette Pose einer berühmten Autorin, sondern eine Beschreibung ihres Verhältnisses zur Welt.

Die junge Elfriede Jelinek bei einem TV-Auftritt. Foto: Polyfilm

Ein schwerer Einschnitt war der Tod ihres Ehemanns, des Komponisten und Informatikers Gottfried Hüngsberg, im Jahr 2022. Wie sehr sie dieser Verlust getroffen hat, ließ sie mich in einer persönlichen Korrespondenz wissen. Sein Tod hinterließ nicht nur eine menschliche Lücke, sondern erschwerte auch ihr Arbeiten.

Jelinek ist eine Schriftstellerin, die sich der Welt mit einer Intensität aussetzt, die sie zugleich von ihr fernhält. Sie nimmt politische Entwicklungen wahr, reagiert auf gesellschaftliche Zumutungen, verfolgt die Nachrichten und verwandelt das Gelesene und Gehörte in Literatur. Sie ist anwesend, ohne anwesend zu sein. Während andere Schriftsteller von Lesung zu Lesung reisen, Interviews geben und auf Literaturfestivals ihre Bücher erklären, lässt Jelinek ihre Texte für sich sprechen.

Und diese Texte haben bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren. Ob die österreichische Innenpolitik, der Aufstieg des Rechtspopulismus, Donald Trump, die Verhältnisse zwischen Männern und Frauen oder die Mechanismen wirtschaftlicher Macht: Jelinek besitzt ein geradezu unheimliches Gespür für die Bruchstellen der Gegenwart. Sie muss nicht auf die historische Distanz warten, um zu erkennen, was an einem Ereignis wesentlich ist. Sie greift ein, während andere noch darüber nachdenken, ob sie sich überhaupt äußern sollen.

Das macht sie zu einer politischen Schriftstellerin im besten Sinn. Nicht, weil man ihre politischen Ansichten teilen müsste. Sondern weil sie sich weigert, Literatur als unverbindliche Dekoration des gesellschaftlichen Lebens zu verstehen. Kunst ist bei ihr kein hübscher Zeitvertreib für gebildete Menschen, sondern eine Form der Erkenntnis. Und Erkenntnis kann unangenehm sein.

Das gilt auch für ihren Umgang mit dem eigenen Land. Österreich ist für Jelinek nie bloß ein geografischer Ort gewesen. Es ist ein Gegenstand literarischer Obsession, eine Ansammlung historischer Verdrängungen und gegenwärtiger Widersprüche. Sie hat dieses Land mit einer Hartnäckigkeit beschrieben, die man durchaus als eine besondere Form der Verbundenheit verstehen kann. Denn wer sich ein Leben lang mit einem Land auseinandersetzt, dem kann es nicht gleichgültig sein.

Manchmal zeigt sich diese Verbundenheit auch ganz unmittelbar. Als die österreichische Bundesregierung das Ende der „Wiener Zeitung“ als Tageszeitung betrieb, gehörte Elfriede Jelinek zu jenen Persönlichkeiten, die öffentlich dagegen auftraten. Sie unterstützte den Widerstand gegen die Einstellung und schickte für eine Veranstaltung eine Botschaft, die von der Schauspielerin Maria Happel vorgetragen wurde. Darin rief sie dazu auf, zu „kämpfen, dass uns ein solches Medium erhalten bleibt“.

Das war keine große literarische Geste, keine spektakuläre Provokation und kein Anlass, sich selbst in Szene zu setzen. Es war ein Bekenntnis zu einer Institution, deren Bedeutung weit über ihre wirtschaftliche Bilanz hinausging. Zu einer Zeitung, die mehr als drei Jahrhunderte österreichischer Geschichte begleitet hatte und deren Fortbestand Jelinek offenbar nicht gleichgültig war.

Gerade darin zeigte sich eine Eigenschaft, die bei der Betrachtung ihres Werks bisweilen zu kurz kommt: ihre Solidarität. Jelinek ist nicht nur die unerbittliche Kritikerin, die gesellschaftliche Missstände mit sprachlicher Präzision zerlegt. Sie ist auch jemand, der sich einmischt, wenn etwas verloren zu gehen droht, das ihr wichtig erscheint. Dass sie sich für die „Wiener Zeitung“ eingesetzt hat, verdient bleibende Anerkennung. Nicht zuletzt, weil sie damit einmal mehr bewies, dass ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht bei der eigenen Literatur endet.

Ist das der Schlüssel zu dieser außergewöhnlichen Schriftstellerin? Ihre Weigerung, sich mit dem Gegebenen abzufinden? Jelinek hat sich weder mit den Geschlechterverhältnissen noch mit den politischen Zuständen, weder mit der österreichischen Geschichtspolitik noch mit den Konventionen der Literatur arrangiert. Sie hat sich an allem gerieben, was selbstverständlich erschien. Und sie hat dabei ein Werk geschaffen, dessen Bedeutung sich nicht in den jeweiligen politischen Anlässen erschöpft.

Ihre Literatur ist gewiss nicht immer leicht zugänglich. Sie kann anstrengend sein, überbordend, manchmal geradezu gnadenlos in ihrer sprachlichen Unerbittlichkeit. Wer bei ihr Trost, Unterhaltung oder die beruhigende Ordnung einer klassischen Erzählung sucht, wird häufig enttäuscht. Aber gerade darin liegt ihre Größe. Jelinek verweigert dem Leser die Bequemlichkeit, die Welt für einen Augenblick vergessen zu dürfen.

Noch im März dieses Jahres sprach sie in einem seltenen Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“ über die fortdauernde Entwertung von Frauen und über eine Welt, von der sie sich zunehmend entfernt fühlt. Der Zorn ist geblieben, die Hoffnung scheint kleiner geworden zu sein. Doch solange sie schreibt, ist dieser Rückzug niemals vollständig.

Vielmehr braucht Österreich seine Elfriede Jelinek heute dringender denn je. In einer Zeit, in der politische Sprache immer unverhohlener zur Manipulation eingesetzt wird, in der einfache Antworten auf komplizierte Fragen Konjunktur haben und in der die öffentliche Debatte zunehmend nach Aufmerksamkeit statt nach Erkenntnis verlangt, ist eine Autorin, die jedes Wort auf seine verborgenen Bedeutungen abklopft, von unschätzbarem Wert.

Jelinek ist das nagende schlechte Gewissen dieser Republik. Sie erinnert daran, dass unter der glänzenden Oberfläche der Selbstzufriedenheit manches verborgen liegt, das besser nicht vergessen werden sollte. Sie tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit der Macht einer Sprache, die sich nicht beruhigen lässt.

Dass Österreich sie inzwischen feiert, ist erfreulich. Dass es sie damit zugleich ein wenig entschärft, ist unvermeidlich. Der Nobelpreis hat aus der einstigen Provokateurin eine Klassikerin gemacht. Aber Klassiker sind gefährlich, wenn man sie tatsächlich liest. Und Jelinek ist eine besonders gefährliche Klassikerin.

Am Dienstag wird sie achtzig Jahre alt. Man darf ihr Gesundheit wünschen, Gelassenheit vielleicht, und noch viele Jahre, in denen sie schreiben kann. Vor allem aber sollte man ihr wünschen, dass sie sich ihre Unbequemlichkeit bewahrt.

Denn ein Österreich ohne Elfriede Jelinek wäre zweifellos ein gemütlicheres Land. Aber kein besseres.

Trailer zur Jelinek-Adaption „Liebhaberinnen“ (Kinostart: 22.10.2026)

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