Die Revolution pensioniert ihre Mutter

Nach fast 50 Jahren stellt Alice Schwarzer ihre feministische Zeitschrift „Emma“ ein. Sie hat die Gesellschaft verändert, ist aber mit jener Frauenbewegung, die aus diesem Wandel hervorgegangen ist, zunehmend in Konflikt geraten. Wie lange können Medien noch von den Überzeugungen ihrer Leser leben?

Von Clara Winter

Alice Schwarzer war nie eine Frau, die sich gern etwas vorschreiben ließ. Schon gar nicht von Männern, aber zuletzt auch immer weniger von Frauen. Nun zieht die große alte Dame des deutschen Feminismus einen Schlussstrich unter ihr Lebenswerk. Nach nahezu einem halben Jahrhundert stellt sie ihre Zeitschrift „Emma“ ein. Am 8. Dezember erscheint die letzte gedruckte Ausgabe. Dann ist Schluss mit einem Blatt, das Generationen von Frauen politisiert, Männer provoziert und nicht zuletzt den Feminismus selbst immer wieder gegen sich aufgebracht hat.

Bemerkenswert ist schon der Zeitpunkt. Im Jänner 2027 hätte die „Emma“ ihren 50. Geburtstag gefeiert. Ein halbes Jahrhundert Frauenbewegung, 50 Jahre Alice Schwarzer, ein geradezu unwiderstehlicher Anlass für eine große Jubiläumsausgabe, Festreden, Rückblicke und die gebührende Würdigung eines publizistischen Lebenswerks. Doch Schwarzer geht wenige Wochen vor dem großen Fest. Selbst die goldene Hochzeit mit ihrer eigenen Zeitschrift will sie offenbar nicht mehr feiern. Man könnte das für eine letzte Provokation halten. Oder für die Einsicht, dass ein runder Geburtstag allein noch keine Zukunft garantiert.

Die erste Emma-Ausgabe vom 26. Jänner 1977. Foto: Emma

Als die erste „Emma“ am 26. Jänner 1977 erschien, war das Blatt eine Zumutung. Und genau das sollte es sein. Die Bundesrepublik war damals ein Land, in dem Frauen erst seit wenigen Monaten ohne Zustimmung ihres Ehemannes berufstätig sein durften. In Österreich war die rechtliche Gleichstellung in der Ehe ebenfalls erst kurz zuvor auf den Weg gebracht worden. Die großen Redaktionen waren fest in Männerhand, die Politik ohnehin, und wer sich als Frau öffentlich gegen diese Ordnung auflehnte, durfte auf wenig Verständnis hoffen. Die „Emma“ wollte nicht erklären, wie Frauen schöner, gefälliger oder begehrenswerter werden konnten. Sie stellte die weit unbequemere Frage, weshalb sie das überhaupt sein sollten.

Was folgte, war eine publizistische Erfolgsgeschichte, wie sie heute kaum mehr vorstellbar erscheint. Schwarzer machte Gewalt gegen Frauen, sexuellen Missbrauch, Abtreibung, Pornografie und wirtschaftliche Abhängigkeit zu öffentlichen Themen, lange bevor sich damit verlässlich Auflage machen ließ. Sie stritt, polemisierte, provozierte, überspitzte und ging ihren Gegnern mit einer Hartnäckigkeit auf die Nerven, die man erst einmal aufbringen muss. Nicht alles war überzeugend, manches ungerecht und einiges schlicht falsch. Aber die „Emma“ hat an gesellschaftlichen Veränderungen mitgewirkt, die heute so selbstverständlich erscheinen, dass leicht vergessen wird, wie erbittert um sie gekämpft werden musste.

Die Emma-Ausgabe vom 27.10. 2026 wird die vorletzte Ausgabe sein. Foto: Emma

Das ist eine Leistung, die auch jene anerkennen sollten, die Alice Schwarzer inzwischen für eine Zumutung halten. Zumal es sich bei ihr um eine Journalistin handelt, die ihre Zeitung nicht bloß als Bühne für die eigene Eitelkeit verstand. Die „Emma“ war über Jahrzehnte ein ernsthaftes journalistisches Unternehmen, mit Recherchen, Kampagnen, Enthüllungen und einer unverwechselbaren publizistischen Haltung. Sie war ein Kampforgan im besten und gelegentlich auch im schlechtesten Sinn des Wortes.
Als die Töchter rebellisch wurden
Die Geschichte wäre allerdings zu schön, würde sie hier enden. Denn Alice Schwarzer erging es wie so manchen Revolutionären, deren Revolution tatsächlich etwas bewirkt hat: Irgendwann mussten sie feststellen, dass sich die Welt auch ohne ihre ausdrückliche Zustimmung weiterdreht.

Aus der einstigen Provokateurin war eine Institution geworden, aus der Institution eine Autorität. Und Autoritäten haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, früher oder später selbst infrage gestellt zu werden. Die Frauenbewegung, die Schwarzer mitgeprägt hatte, war unterdessen erwachsen geworden und hatte Nachwuchs bekommen, der wenig Neigung zeigte, die Ansichten seiner geistigen Mütter ehrfürchtig zu übernehmen.

Jüngere feministische Strömungen beschäftigten sich mit Geschlechtsidentität, Intersektionalität, Rassismus und neuen Formen gesellschaftlicher Benachteiligung. Schwarzer wiederum hielt an einem Feminismus fest, für den das biologische Geschlecht und die historisch gewachsene Unterdrückung von Frauen die entscheidenden Kategorien blieben. Besonders im Streit über Transidentität prallten die Positionen aufeinander. Was die eine Seite als Schutz mühsam erkämpfter Frauenrechte verstand, betrachtete die andere als Ausgrenzung. Ausgerechnet die Frau, die ihr Leben lang gegen gesellschaftliche Zuschreibungen gekämpft hatte, wurde von ihren Gegnern nun beschuldigt, selbst Grenzen zu ziehen.

Dazu kamen ihre umstrittenen Wortmeldungen zum Krieg in der Ukraine. Gemeinsam mit Sahra Wagenknecht forderte sie Verhandlungen und wandte sich gegen eine weitere militärische Eskalation. Das brachte ihr nicht nur heftigen Widerspruch ein, sondern kostete die „Emma“ nach Schwarzers eigenen Angaben auch einen beträchtlichen Teil ihrer Abonnentinnen.

Nun muss eine Zeitschrift nicht deshalb falsch liegen, weil ihr Leser davonlaufen. Ebenso wenig wird aus einer unbequemen Position schon dadurch eine mutige, dass sie Widerspruch hervorruft. Schwarzer hatte jahrzehntelang davon gelebt, gegen Mehrheiten anzuschreiben. Doch diesmal kam der Widerstand nicht nur von den üblichen Gegnern des Feminismus, sondern aus jenem politischen Milieu, das sie selbst mitgeformt hatte.

Der Feminismus ist längst keine Bewegung mehr, die sich unter einer gemeinsamen Fahne versammeln ließe. Er hat sich in zahlreiche Schulen, Strömungen und Identitäten aufgefächert, deren Vertreterinnen einander gelegentlich mit einer Leidenschaft bekämpfen, für die früher das Patriarchat zuständig war. Wo einst die gesellschaftliche Stellung der Frau die Fronten bestimmte, wird heute nicht selten darüber gestritten, wer überhaupt für welche Frauen sprechen darf.

Dass die „Emma“ dabei an Integrationskraft verlor, verwundert kaum. Die Zeitschrift, die einmal eine Bewegung zusammengeführt hatte, repräsentierte zuletzt nur noch einen Teil davon. Und ausgerechnet Alice Schwarzer, die einer ganzen Generation beigebracht hatte, Autoritäten zu misstrauen, musste erleben, dass sich die nächste Generation auch von ihrer Autorität befreien wollte. Das ist bitter, entbehrt aber nicht einer gewissen historischen Folgerichtigkeit.

Die Treue hat ihren Preis
Der Abschied der „Emma“ wirft noch eine andere, für die Medienbranche womöglich unangenehmere Frage auf. Was geschieht mit einer Zeitung, wenn ihr Publikum nicht nur für Informationen bezahlt, sondern auch für eine Weltanschauung?

Schwarzer versichert, die „Emma“ müsse keineswegs aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt werden. Trotz rückläufiger Auflage würden die Einnahmen die Ausgaben decken, es gebe sogar Rücklagen. Man könne einfach nicht mehr. Das klingt nach einem Luxus, den sich heute nur noch wenige Verleger leisten können. Anderswo werden Redaktionen zusammengestrichen, bevor überhaupt jemand Gelegenheit hat, über einen würdevollen Abschied nachzudenken.

Dennoch lohnt ein Blick auf jene Medien, deren Existenz wesentlich von der politischen oder weltanschaulichen Verbundenheit ihrer Leserschaft getragen wird. Die linke Berliner „taz“ etwa hat es verstanden, aus dieser Verbundenheit ein bemerkenswert erfolgreiches Finanzierungsmodell zu entwickeln. Ihre Leser bezahlen nicht nur für journalistische Inhalte, sondern auch dafür, dass es diese Zeitung weiterhin gibt. Ähnliche Mechanismen finden sich bei weltanschaulich gebundenen Zeitschriften, konfessionellen Blättern und politischen Meinungsmagazinen. Man kauft nicht bloß ein Produkt, man unterstützt ein Anliegen.

Das kann eine erstaunlich widerstandsfähige Geschäftsgrundlage sein. Allerdings hat sie einen Haken. Wer eine Zeitung wegen ihrer Haltung unterstützt, kann ihr diese Unterstützung auch aus Gründen der Haltung entziehen. Ein Abonnent, der sich über einen misslungenen Kulturartikel ärgert, wird deshalb kaum gleich kündigen. Wer sich hingegen von einer Zeitschrift politisch verraten fühlt, betrachtet die nächste Abbuchung womöglich bereits als Zumutung. Aus Solidarität wird Verärgerung, aus Treue ein Kündigungsschreiben.

Für ein gewöhnliches Nachrichtenmedium ist redaktionelle Vielfalt ein Vorteil. Für ein weltanschauliches Blatt kann sie zur Zerreißprobe werden. Ändert es seinen Kurs, verärgert es die Stammleserschaft. Beharrt es darauf, verliert es womöglich den Anschluss an eine jüngere Generation. Die „Emma“ geriet in genau dieses Dilemma. Mit ihren Positionen zu Geschlecht und Identität entfremdete sie Teile eines feministischen Publikums, das sich inzwischen anders definiert. Ihre Beharrlichkeit, einst Voraussetzung des Erfolgs, wurde zur Belastung.

Die „taz“ liefert freilich auch das Gegenbeispiel. Sie hat im Herbst 2025 ihre werktägliche Printausgabe eingestellt, ohne deshalb den journalistischen Betrieb aufzugeben. Sie setzte auf digitale Angebote und die Zahlungsbereitschaft einer politisch verbundenen Leserschaft. Die „Emma“ hingegen war noch in einer anderen Hinsicht gefangen: in der überragenden Bedeutung ihrer Gründerin.

Alice Schwarzer war die „Emma“. Das ist als Kompliment gemeint, beschreibt aber auch das Problem. Wer ein Medium nahezu fünf Jahrzehnte lang so vollständig verkörpert, macht eine Nachfolge schwierig. Ein früherer Versuch, mit einer jüngeren Chefredakteurin neue Akzente zu setzen, war nach wenigen Monaten gescheitert. Seither blieb Schwarzer die bestimmende Figur. Was für die Zeitung identitätsstiftend war, erwies sich am Ende als Hypothek. Andere Medien können ihre Chefredaktion austauschen. Bei der „Emma“ hätte man beinahe die Zeitschrift selbst austauschen müssen.
Ein Abschied ohne Nachfolgerin
Nun wäre es billig, Alice Schwarzer die Verantwortung dafür zuzuschieben, dass eine von ihr gegründete Zeitschrift nach fast fünf Jahrzehnten nicht mehr weitergeführt wird. Sie hat mehr publizistische Ausdauer bewiesen als die meisten ihrer Kritiker. Und sie hat ein Magazin geschaffen, dessen Einfluss weit über die bescheidene Größe seiner Redaktion hinausreichte.

Die „Emma“ gehört zu jener selten gewordenen Sorte von Zeitungen, die nicht gegründet wurden, weil eine Marktlücke entdeckt worden war, sondern weil jemand eine gesellschaftliche Notwendigkeit sah. Ihre Existenz verdankte sie keinem Businessplan, sondern einer Überzeugung. Dass daraus ein halbes Jahrhundert Journalismus wurde, ist schon bemerkenswert genug.

Gerade deshalb ist ihr Ende auch ein Verlust für die Medienlandschaft. Mit ihr verschwindet ein Blatt, das sich nicht damit begnügte, Ereignisse zu begleiten, sondern selbst welche auslösen wollte. Diese Form des parteilichen, streitbaren Journalismus wird heute gern belächelt, während sich andere Redaktionen mühsam darum bemühen, ihren Lesern irgendeinen unverwechselbaren Mehrwert zu versprechen. Die „Emma“ musste nie lange erklären, wofür sie stand. Allenfalls musste man sie daran erinnern, dass es auch noch andere Standpunkte gab.

Ihr Archiv soll künftig im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt werden, eine Fortsetzung im Internet ist angekündigt. Historisch wird die „Emma“ also nicht verschwinden. Aber zwischen einem Archiv und einer Redaktion besteht ein Unterschied. Das eine dokumentiert vergangene Auseinandersetzungen, die andere mischt sich in gegenwärtige ein. Und in einer Zeit, in der sich der Journalismus zunehmend an Reichweiten, Zielgruppen und digitalen Geschäftsmodellen abarbeitet, wird man eine Zeitschrift vermissen können, die sich vor allem für ihre Sache interessierte.

Alice Schwarzer wird Anfang Dezember 84 Jahre alt. Wenige Tage später erscheint ihre letzte „Emma“. Den 50. Geburtstag im Jänner lässt sie aus. Vielleicht wäre es ohnehin eine seltsame Feier geworden, eine goldene Hochzeit, bei der die Braut längst mit einem anderen Feminismus liiert ist.

Die „Emma“ hat die Emanzipation mit vorangetrieben, und nun emanzipiert sich der Feminismus auch von der „Emma“. Das ist kein besonders versöhnlicher Schluss für ein großes Lebenswerk. Aber für eines, das von Auflehnung und Widerspruch lebte, durchaus ein passender.

Und Alice Schwarzer wird sich wohl damit abfinden müssen, dass die Frauen, für deren Selbstbestimmung sie so lange gestritten hat, inzwischen selbst entscheiden, welchen Feminismus sie haben wollen.

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