Christine Nöstlinger wäre am 13. Oktober 90 Jahre alt geworden. Eine Ausstellung in Wien erinnert an die große österreichische Kinderbuchautorin, die Doku „Nöstlinger – Sowieso und überhaupt“ kommt am 16. Oktober in die Kinos. Doch wie viel von ihrem anarchischen Geist verträgt unsere Gegenwart noch?
Von Clara Winter
Bei Christine Nöstlinger durften Kinder noch richtige Krätzn sein. Sie widersprachen ihren Eltern, schimpften, waren frech, manchmal ungerecht und hielten sich auch sonst herzlich wenig an das, was Erwachsene von ihnen erwarteten. Die Erwachsenen wiederum waren keineswegs immer verständnisvoll, geduldig oder pädagogisch besonders begabt. Sie waren grantig, autoritär, bisweilen ziemlich dumm und gelegentlich schlicht unausstehlich. Nöstlinger machte daraus Literatur. Und was für eine.
Die österreichische Schriftstellerin, die am 13. Oktober 90 Jahre alt geworden wäre, hat mit ihren Büchern ganze Generationen geprägt. Sie schrieb über Kinder, die sich nicht alles gefallen ließen, über Erwachsene, die ihre Macht ausnützten, und über Familien, in denen es keineswegs immer harmonisch zuging. Ihre Geschichten waren komisch, respektlos, gelegentlich derb und dabei von einer tiefen Sympathie für jene getragen, die im Leben nicht unbedingt die besten Karten hatten.

Gerade eröffnete das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek die Ausstellung „Fliegende Katzen im Gemeindebau“. Sie erinnert an eine Autorin, die mehr als 150 Bücher geschrieben hat und längst zum österreichischen Kulturgut gehört. Eine gute Gelegenheit, eine Frage zu stellen, die vielleicht ein wenig unverschämt klingt: Würde eine junge Christine Nöstlinger heute eigentlich noch dieselben Bücher schreiben können? Und würden sie auch gedruckt werden?
Ein Großvater, der heute Probleme hätte
Nehmen wir „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ aus dem Jahr 1972. Ein herrlich böses Buch über einen selbst ernannten König, der sich im Haushalt der Familie Hogelmann einnistet und dort sein autoritäres Regiment errichten möchte. Besonders angetan von dem unangenehmen Kerl ist ausgerechnet der Familienvater. Nöstlinger lässt kaum eine Gelegenheit aus, dessen Autorität ins Lächerliche zu ziehen.

Aber auch abseits des Gurkenkönigs geht es in dieser Familie recht lebhaft zu. So erzählt der zwölfjährige Wolfgang von einem Bikini, den der Großvater seiner Enkelin Martina gekauft hat. Das gute Stück ist dem Vater entschieden zu freizügig. Er regt sich fürchterlich auf und ruft: „Da kann meine Tochter ja gleich nackt herumlaufen!“ Worauf der Großvater kichert: „Endlich hat mein Sohn mal einen vernünftigen Einfall!“
Man stelle sich diese Szene heute in einem Manuskript für ein Kinderbuch vor. Ein Großvater, der einen zweideutigen Witz über seine Enkelin macht? Da könnte im Lektorat schon einmal die Frage auftauchen, ob das wirklich sein muss. Ob man das nicht anders formulieren könnte. Und ob sich Kinder bei dieser Bemerkung nicht vielleicht unwohl fühlen könnten.
Wobei sich Martina in der Geschichte durchaus zu wehren weiß. Und der Vater ohnehin ein rechter Ungustl ist. Aber genau das ist ja der Punkt: Nöstlinger interessierte sich herzlich wenig dafür, ob ihre Figuren als moralische Vorbilder taugten. Sie wollte Menschen beschreiben, keine pädagogischen Wunschvorstellungen.
Noch 2016 sagte sie dem Nachrichtenmagazin „Profil“ einen Satz, der für eine Kinderbuchautorin geradezu wunderbar unfreundlich klingt: „Ich mag ja viele Kinder nicht.“
Das muss man sich erst einmal trauen. Die große Kinderbuchautorin gesteht, dass sie keineswegs alle Kinder mag. Nöstlinger machte eben auch aus Kindern keine Heiligen. Sie nahm sie ernst genug, um ihnen dieselben menschlichen Schwächen zuzugestehen wie den Erwachsenen.

Die Schere im Kopf
Nun wäre es Unsinn zu behaupten, Kinderliteratur sei heute grundsätzlich harmloser geworden. Ganz im Gegenteil. Über Gewalt, Ausgrenzung, familiäre Probleme oder sexuelle Identität wird heute viel selbstverständlicher geschrieben als vor fünfzig Jahren. Vieles, was damals noch ein Tabu war, ist längst Gegenstand von Kinder- und Jugendbüchern. Und das ist gut so.
Allerdings haben sich die Erwartungen verändert. Kinderbücher sollen heute nach Möglichkeit auch erklären, sensibilisieren, Vielfalt vermitteln, Vorurteile abbauen und ein möglichst zeitgemäßes Bild unserer Gesellschaft zeichnen. Verlage achten auf Sprache, Rollenbilder und darauf, ob sich bestimmte Gruppen durch eine Darstellung verletzt fühlen könnten.
Dagegen spricht zunächst wenig. Natürlich soll man darüber nachdenken, was man Kindern zum Lesen gibt. Nur kann dabei leicht etwas verloren gehen, das für Literatur ziemlich wesentlich ist: die Freiheit, auch unangenehm zu sein.
Es braucht dafür gar keine ausdrücklichen Verbote. Viel interessanter ist die Schere im Kopf. Jener Augenblick, in dem ein Lektor über einem Manuskript sitzt und überlegt, ob ein bestimmter Satz nicht doch missverstanden werden könnte. Ob eine Figur wirklich so unsympathisch sein muss. Ob ein Schimpfwort nicht etwas zu derb geraten ist. Und ob sich die eine oder andere Aufregung vermeiden ließe, wenn man den Absatz einfach streicht.
Man kann sich gut vorstellen, wie aus einer frechen Bemerkung eine harmlose wird und aus einem unangenehmen Charakter ein etwas weniger unangenehmer. Nicht aus böser Absicht. Sondern weil man es gut meint und Schwierigkeiten vermeiden möchte.
Das freilich ist keineswegs eine Erfindung unserer Zeit. Nöstlinger erzählte selbst von einem Gutachter, der eines ihrer Bücher beanstandete, weil darin ein Fleischhauer zum Gabelfrühstück sein Seidel Bier trank. Der Mann hatte sogar sämtliche Stellen aufgelistet, an denen der Fleischhauer zum Glas griff. Auch damals gab es also Erwachsene, die Kinder vor der Wirklichkeit beschützen wollten. Sie sorgten sich nur um andere Dinge. Nöstlinger kümmerte das wenig. In einem Gespräch mit der APA erklärte sie 2016: „Ich will die Kinder aufmüpfig machen, aber doch nicht trösten.“ Ein Satz, der auch fünfzig Jahre nach ihren ersten Büchern noch ziemlich gut beschreibt, was Kinderliteratur können sollte.

Ein Kind aus der Konservenbüchse
Auch in „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ aus dem Jahr 1975 nahm Nöstlinger die Erziehungsvorstellungen ihrer Zeit aufs Korn. Konrad ist ein künstlich hergestelltes Kind, das in einer Konservenbüchse geliefert wird. Er ist höflich, fleißig, ordentlich und von geradezu erschreckender Wohlerzogenheit. Ein Musterkind, wie es sich manche Eltern wohl erträumen.
Und genau darin liegt das Problem. Konrad hat gelernt, immer das Richtige zu tun. Nur hat er dadurch kaum Gelegenheit gehabt, ein richtiger Mensch zu werden.
Nöstlinger misstraute jeder Form von Erziehung, die vor allem auf Anpassung ausgerichtet war. Sie wusste, dass Kinder nicht unbedingt besser werden, wenn man ihnen möglichst viele Vorschriften macht. Und dass Erwachsene nicht automatisch recht haben, bloß weil sie erwachsen sind.
Das klingt heute beinahe selbstverständlich. Schließlich wollen wir alle selbstbewusste, kritische Kinder heranziehen. Kinder, die selbstständig denken, Autoritäten hinterfragen und sich nicht alles gefallen lassen. Nur bitte nicht unbedingt dann, wenn wir selbst die Autoritäten sind.
Vielleicht liegt genau darin eine der großen Widersprüchlichkeiten moderner Erziehung. Wir wünschen uns unangepasste Kinder, bemühen uns aber gleichzeitig, möglichst genau festzulegen, worin ihre Unangepasstheit bestehen darf.
Das Recht auf das falsche Wort
Besonders schön ist an Nöstlingers Büchern ihre Sprache. Da wird geschimpft, gestritten, gespottet und manchmal ordentlich ausgeteilt. Ihre Figuren reden nicht wie aus einem pädagogischen Ratgeber abgeschrieben. Sie sprechen, wie Menschen eben sprechen, und das ist bekanntlich nicht immer besonders vorbildlich.
Natürlich würde heute niemand ernsthaft behaupten, man dürfe einen solchen Roman nicht mehr veröffentlichen. Nöstlingers Bücher werden nach wie vor aufgelegt, gelesen und auf die Bühne gebracht. Der „Gurkenkönig“ hat es 2024 sogar zu einer Kinderoper am Opernhaus Zürich gebracht.
Die Frage ist eine andere. Würde ein unbekannter junger Autor mit einem vergleichbaren Manuskript heute ebenso problemlos durch ein Lektorat kommen? Oder würde man ihm da und dort empfehlen, ein wenig behutsamer zu formulieren?
Das lässt sich nicht beantworten. Aber schon die Überlegung ist interessant. Denn in der Literatur müssen Figuren nicht sympathisch sein. Sie dürfen Unsinn reden, Vorurteile haben, ungerecht handeln und sich danebenbenehmen. Das macht sie noch lange nicht zu Vorbildern. Und aus einem Buch wird nicht automatisch eine pädagogische Empfehlung, bloß weil etwas darin vorkommt.
Kinder verstehen diesen Unterschied vermutlich oft besser, als Erwachsene glauben.
Nöstlinger jedenfalls traute ihnen einiges zu. In „Maikäfer, flieg!“ erzählt sie vom Ende des Zweiten Weltkriegs, von Nationalsozialismus, Hunger und Angst. Die Erwachsenen haben die Welt gerade in eine Katastrophe geführt. Das Kind beobachtet, fragt nach und versucht sich einen Reim darauf zu machen. Nöstlinger liefert ihm nicht auf jeder Seite gleich die passende moralische Erklärung mit. Sie vertraut darauf, dass ihre Leser selbst denken können.
Wer schützt die Kinder vor den Erwachsenen?
Vielleicht haben wir uns ein wenig zu sehr daran gewöhnt, Kinderbücher danach zu beurteilen, was sie pädagogisch bewirken sollen. Sie sollen Mut machen, Verständnis wecken, Werte vermitteln, Gefühle erklären und möglichst auch noch dabei helfen, die Welt ein Stück besser zu machen.
Alles ehrenwerte Anliegen. Nur lesen Kinder Bücher meist aus ganz anderen Gründen. Sie wollen wissen, wie eine Geschichte ausgeht. Sie wollen lachen, sich fürchten, mitfiebern und gelegentlich erleben, wie jemand etwas tut, das sie selbst niemals wagen würden.
Christine Nöstlinger verstand das. Sie schrieb über Macht und Ungerechtigkeit, über Armut und gesellschaftliche Zwänge, ohne daraus Unterrichtsstunden zu machen. Ihre Bücher waren zuerst einmal Geschichten. Gute Geschichten, noch dazu.
Ob eine junge Nöstlinger heute dieselbe Karriere machen würde, weiß niemand. Wahrscheinlich würde sie ganz andere Bücher schreiben. Über soziale Medien vielleicht, über überforderte Eltern und über Erwachsene, die ihren Kindern ununterbrochen erklären, wie wichtig es sei, sie selbst zu sein. Solange sie dabei nur ja nichts Falsches sagen.
Stoff hätte sie jedenfalls genug. Und womöglich würde sie sich über eine Gesellschaft wundern, die ihre Kinder einerseits zu selbstbewussten, kritischen Menschen erziehen möchte, andererseits aber beträchtliche Mühe darauf verwendet, ihnen möglichst genau vorzuschreiben, wie dieses kritische Denken auszusehen hat.
Christine Nöstlinger hat Generationen von Kindern beigebracht, dass man nicht alles glauben muss, was Erwachsene sagen. Es wäre schade, wenn ausgerechnet die Erwachsenen das vergessen hätten.
