Kultur als Teil des Wiederaufbaus

Vier Jahre nach Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine stellt sich auch für Europas Kulturbetrieb eine neue Frage: Was kommt nach der Soforthilfe? Eine internationale Konferenz im Kunsthaus Graz will im Oktober aus provisorischen Hilfsangeboten dauerhafte Netzwerke machen – und Kunst und Kultur schon jetzt als Teil des künftigen Wiederaufbaus begreifen.

Matthias Greuling

Ein Atelier lässt sich leichter verlassen als eine Biografie. Ein Museum kann geschlossen, ein Theater beschädigt, ein Archiv ausgelagert werden – was damit verloren zu gehen droht, ist jedoch weit mehr als ein Gebäude oder ein Arbeitsplatz. Seit Russland im Februar 2022 seinen groß angelegten Angriff auf die Ukraine begann, ist deshalb auch die Kultur zu einem jener Bereiche geworden, in denen sich die Folgen des Krieges besonders deutlich zeigen: Künstler verließen das Land, Ensembles wurden auseinandergerissen, Sammlungen mussten in Sicherheit gebracht werden, Museen, Bibliotheken, Denkmäler und historische Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

Allein bis 1. Juli 2026 hat die UNESCO Schäden an 540 ukrainischen Kulturstätten verifiziert, darunter 41 Museen, 22 Bibliotheken und 280 historisch oder künstlerisch bedeutsame Gebäude. Anfang 2026 bezifferte die Organisation die Schäden an Kulturgütern bereits auf rund 4,5 Milliarden US-Dollar. Kultur ist in diesem Krieg damit kein Nebenschauplatz mehr. Sie betrifft Erinnerung, Sprache und Identität – und die Frage, was von einem Land bestehen bleibt, wenn seine materielle und gesellschaftliche Infrastruktur unter Druck gerät.

Europa reagierte nach 2022 zunächst schnell und vielfach unbürokratisch. Museen stellten Arbeitsplätze zur Verfügung, Theater engagierten geflüchtete Künstler, Hochschulen vergaben Stipendien, Kulturinstitutionen schufen Residenzprogramme. Auch in Österreich entstanden Netzwerke, die Menschen nicht nur Schutz bieten, sondern ihnen ermöglichen sollten, weiterhin als Künstler, Kuratoren, Musiker oder Kulturschaffende tätig zu sein. Eines davon ist Office Ukraine, das kurz nach Kriegsbeginn ins Leben gerufen wurde und von Wien und Graz aus arbeitet.

Vier Jahre später verändert sich allerdings die Fragestellung. Denn aus einer kurzfristig organisierten Nothilfe lässt sich nicht automatisch eine langfristige Kulturpolitik machen. Förderprogramme laufen aus, Residenzen enden, Projektgelder sind zeitlich begrenzt. Gleichzeitig ist längst nicht absehbar, wann jene Künstler, die ihre Heimat verlassen mussten, zurückkehren können oder wollen. Andere arbeiten weiterhin in der Ukraine unter Bedingungen, die von Luftalarm, beschädigter Infrastruktur und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt sind.

Ort der Konferenz: Das Kunsthaus Graz. Foto: Christian Plach

Wie also lässt sich aus Solidarität Struktur machen? Genau darum soll es bei der internationalen Konferenz „Networks of Cooperation: Sustainable Structures for Ukrainian Cultural Actors in Europe and Beyond“ gehen, die am 15. und 16. Oktober im Kunsthaus Graz stattfinden wird. Kulturinstitutionen und Förderstellen, Vertreter aus Politik und Wissenschaft sowie Künstler und Experten aus der Ukraine, Österreich und anderen europäischen Ländern sollen dabei diskutieren, wie die seit 2022 entstandenen Netzwerke dauerhaft weitergeführt werden können. Die Konferenz ist eine gemeinsame Initiative von Office Ukraine, dem österreichischen Kulturministerium und dem Creative Europe Desk Austria; beteiligt sind unter anderem das Kunsthaus Graz und der Creative Europe Desk Ukraine.

Damit rückt ein Aspekt in den Vordergrund, der in Diskussionen über den Wiederaufbau der Ukraine häufig hinter Fragen nach Wohnungen, Energieversorgung, Verkehrswegen und Wirtschaft zurücktritt: Auch kulturelle Infrastruktur muss wiederaufgebaut werden. Und darunter sind nicht nur Gebäude zu verstehen. Ebenso entscheidend sind Institutionen, Ausbildungsmöglichkeiten, internationale Kontakte, Förderstrukturen und jene Netzwerke, die es Kulturschaffenden überhaupt ermöglichen, kontinuierlich zu arbeiten. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler, der die Grazer Konferenz eröffnen soll, formuliert diesen Anspruch ausdrücklich politisch: „Im Kontext von Zerstörung, Vertreibung und Diaspora sind Solidarität und starke internationale Netzwerke wichtiger denn je. Es ist uns ein Anliegen, beim Wiederaufbau der Ukraine Kunst und Kultur von Beginn an mitzudenken und stabile, nachhaltige Kooperationsstrukturen aufzubauen.“

Kulturminister Babler wird die Konferenz eröffnen: „Internationale Netzwerke sind wichtiger denn je“. Foto: Katharina Sartena

Das klingt zunächst selbstverständlich, ist es aber nicht. Denn Kulturförderung funktioniert in Europa noch immer weitgehend innerhalb nationaler Systeme und häufig über zeitlich eng begrenzte Projekte. Wer aufgrund eines Krieges zwischen Ländern, Institutionen und Fördersystemen lebt, trifft daher rasch auf bürokratische Grenzen. Aufenthaltsstatus, Arbeitsmöglichkeiten und Fördervoraussetzungen können ebenso entscheidend werden wie künstlerische Qualität. Die Grazer Konferenz will deshalb ausdrücklich auch bestehende Hierarchien und Ungleichgewichte europäischer Fördersysteme zur Diskussion stellen.

Für Margarethe Makovec, künstlerische Leiterin des Grazer Zentrums für zeitgenössische Kunst < rotor > und Mitinitiatorin von Office Ukraine, geht es deshalb um mehr als um die Fortsetzung bestehender Hilfsprogramme. Die Beziehungen zwischen ukrainischen und europäischen Kulturinstitutionen müssten vertieft und neue Formen der Zusammenarbeit entwickelt werden. Das ukrainische Kulturleben sei dabei als „integraler Bestandteil der Zukunft Europas“ zu verstehen.

Darin liegt womöglich die entscheidende Veränderung gegenüber den ersten Monaten nach Kriegsbeginn. Damals stand zwangsläufig die Rettung im Vordergrund: Menschen mussten untergebracht, Arbeitsmöglichkeiten geschaffen und Kunstwerke geschützt werden. Heute geht es zunehmend darum, ukrainische Künstler nicht ausschließlich als Empfänger europäischer Hilfe zu betrachten, sondern als Partner eines gemeinsamen europäischen Kulturraums. Das ist auch deshalb bedeutsam, weil der Wiederaufbau nicht erst an jenem Tag beginnen wird, an dem der Krieg endet. Viele seiner Strukturen entstehen schon jetzt. Künstlerinnen leben inzwischen seit Jahren in Wien, Graz, Berlin, Warschau oder Prag; Kuratoren haben neue institutionelle Kontakte aufgebaut, Musiker spielen in europäischen Ensembles, Schriftsteller publizieren in anderen Sprachen und Ländern. Daraus ist längst eine kulturelle Realität entstanden, die sich nicht einfach wieder auf den Zustand vor 2022 zurückdrehen lässt.

Die eigentliche Herausforderung wird deshalb darin bestehen, diese erzwungene Internationalisierung nicht zu einem dauerhaften Verlust für die Ukraine werden zu lassen. In Graz soll darüber im Oktober zwei Tage lang gesprochen werden. Im besten Fall geht es dabei nicht nur um weitere Projekte und Förderprogramme, sondern um eine grundsätzlichere Erkenntnis: Der Wiederaufbau eines Landes besteht nicht allein aus Beton, Stromleitungen und Verkehrswegen. Er betrifft auch seine Bilder, seine Bücher, seine Musik, seine Bühnen und seine Erinnerung. Wer die Zukunft der Ukraine plant, muss deshalb auch darüber nachdenken, wo und unter welchen Bedingungen ihre Kultur künftig entstehen kann.

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