Die leisen Katastrophen

Nicole A. Vidal erzählt in ihrem Debüt „Was ich dir nicht gesagt habe“ von jenen Momenten, in denen ein Leben fast unmerklich aus der Spur gerät. Ihre Geschichten handeln von Familien, Beziehungen und Entscheidungen, deren Folgen oft erst sichtbar werden, wenn längst nichts mehr rückgängig zu machen ist.

Clara Winter

Es gibt Katastrophen, nach denen Sirenen heulen. Und es gibt jene, bei denen morgens noch Kaffee gekocht wird, jemand den Geschirrspüler ausräumt und sogar daran denkt, auf dem Heimweg Milch zu kaufen. Erst viel später begreift man, dass an diesem Tag etwas zu Ende gegangen ist. Nicole A. Vidal interessiert sich in ihrem Erzählband „Was ich dir nicht gesagt habe“ für genau diese zweite Sorte von Erschütterung.

Ihre Geschichten handeln von Menschen, deren Leben nicht mit Getöse zerbricht. Niemand muss schreiend auf der Straße stehen, kein Geschirr muss zu Bruch gehen, kein dramatischer Abschied die Zäsur markieren. Viel gefährlicher sind jene Augenblicke, in denen zunächst fast nichts geschieht: Ein Bruder taucht nach Jahren wieder auf, eine Tochter beginnt, sich an ihren gewaltsam ums Leben gekommenen Vater zu erinnern, eine junge Frau muss entscheiden, was von der Beziehung zu jener Mutter noch übrig ist, die sie als Kind vernachlässigt hat. Es sind kleine Verschiebungen mit großen Folgen.

Autorin Nicol A. Vidal. Foto: zVg/FM4 Wortlaut

Diese Form der Katastrophe entspricht unserer Erfahrung oft eher als jene dramatischen Wendepunkte, von denen Literatur und Kino gerne erzählen. Das wirkliche Leben kennt selten die eine sorgfältig komponierte Schlüsselszene. Menschen verlassen einander nicht immer nach dem entscheidenden Streit, sie bleiben manchmal noch Monate oder Jahre. Beziehungen sterben lange bevor jemand auszieht, Familiengeheimnisse liegen offen herum, ohne dass jemand über sie spricht, und die wirklich folgenreichen Entscheidungen werden mitunter zwischen Supermarkt und Abendessen getroffen. Genau dieses kaum sichtbare Kippen eines Lebens ist das Terrain, das Vidal vermisst.

Schon der Titel des Bandes erzählt davon. „Was ich dir nicht gesagt habe“ beschreibt das komplizierte Verhältnis zwischen Nähe und Schweigen. Wir definieren Beziehungen gerne über das Gesagte, über Gespräche, Geständnisse und Liebeserklärungen, tatsächlich aber wird unser Verhältnis zu anderen mindestens ebenso stark von dem bestimmt, was wir verschweigen: aus Rücksicht, aus Feigheit, aus Scham oder schlicht deshalb, weil wir selbst noch keine Sprache für das haben, was geschehen ist.

Familien sind darin besonders talentiert. Sie entwickeln über Jahrzehnte eigene Archive des Ungesagten, in denen jeder die Geschichten kennt, über die gesprochen wird, und ebenso jene, um die man beim sonntäglichen Mittagessen zuverlässig herumredet. Kinder spüren solche Leerstellen oft lange, bevor sie verstehen, worum es geht. Später verbringen sie Jahre damit, aus Gesten, Sätzen und Erinnerungsfetzen eine Vergangenheit zusammenzusetzen, die ihnen niemand erzählt hat.

Vidal, promovierte Sozialwissenschaftlerin, beobachtet solche Konstellationen mit einer Genauigkeit, die wohl nicht zufällig ist. Ihre Figuren stehen nicht außerhalb der Gesellschaft, sie sind keine literarischen Exoten, sondern Menschen in Beziehungen, Familien und Abhängigkeiten, die auf den ersten Blick vertraut wirken. Gerade deshalb sind ihre Geschichten unangenehm nah. Es sind Menschen, die bleiben, obwohl sie längst gehen wollten, Menschen, die andere verletzen, ohne notwendig grausam zu sein, und Menschen, die feststellen müssen, dass eine Entscheidung richtig sein kann und trotzdem Schmerz verursacht.

Darin liegt die tröstlichste und zugleich härteste Erkenntnis dieses Buches: Ein Neubeginn macht das Vorherige nicht ungeschehen. Unsere Zeit liebt das Narrativ vom Neustart. Man müsse sich lösen, Grenzen ziehen, toxische Beziehungen beenden, zu sich selbst finden. Die Sprache der Gegenwart suggeriert dabei gern eine erstaunliche Sauberkeit menschlicher Biografien: Man erkennt ein Problem, zieht die Konsequenz und beginnt von vorne. Nur funktioniert das Leben nicht so.

Man nimmt seine Vergangenheit mit, in neue Wohnungen, neue Beziehungen und neue Städte. Man kann einen Menschen verlassen und ihn trotzdem vermissen, den Kontakt zur eigenen Mutter abbrechen und dennoch auf ihren Anruf warten, begreifen, dass etwas falsch war, und gleichzeitig um das trauern, was man verloren hat. Vidal interessiert sich genau für diese Widersprüche. Ihre Figuren dürfen zugleich entschlossen und unsicher sein, und Opfer und Täter lassen sich nicht immer sauber voneinander trennen. Schuld verteilt sich selten nach einem moralischen Stundenplan.

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Das unterscheidet Literatur im besten Fall von den schnellen Urteilen unserer Gegenwart. Während soziale Netzwerke aus menschlichen Beziehungen gern kleine Gerichtsverfahren machen, kann eine Erzählung sich den Luxus leisten, einen Menschen nicht abschließend beurteilen zu müssen. Gerade darin liegt die Stärke dieser Geschichten: Sie erklären ihre Figuren nicht weg, sondern lassen ihre Widersprüche stehen.

Nicole Vidal gewann 2025 den ersten Preis beim FM4-Wortlaut-Wettbewerb, „Was ich dir nicht gesagt habe“ ist ihr erster Erzählband. Dass Debüts kleinerer Verlage heute leicht übersehen werden, gehört zu den Paradoxien eines Literaturbetriebs, in dem jedes Jahr mehr Bücher erscheinen und gleichzeitig immer weniger Aufmerksamkeit für das einzelne bleibt. Der Schweizer Verlag Ars Remata veröffentlicht mit diesem Band eine Autorin, die nicht versucht, ihre Figuren größer zu machen, als sie sind, und gerade dadurch etwas über die Gegenwart erzählt.

Denn die meisten Menschen erleben keine heroischen Geschichten. Sie führen keine Revolutionen an und retten keine Staaten, sondern versuchen, mit ihren Eltern, ihren Kindern, ihren Geschwistern, ihren Geliebten und nicht zuletzt mit sich selbst zurechtzukommen. Sie treffen vernünftige Entscheidungen aus falschen Gründen und falsche Entscheidungen aus verständlichen. Und manchmal verändert sich ein Leben, ohne dass jemand im Raum bemerkt, dass gerade etwas Entscheidendes passiert ist: Man sitzt am Küchentisch, jemand sagt einen beiläufigen Satz oder schweigt. Erst Jahre später weiß man: Dort war es.

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