Am 25. September 2026 beginnt im Schauspielhaus Graz die neue Saison mit einem Satz, den man gern für erledigt hielte: „Die Waffen nieder!“ So heißt die Bühnenfassung nach Bertha von Suttners berühmtem Roman. Regie führt Sandra Strunz, Bühne und Kostüme stammen von Sabine Kohlstedt, die Dramaturgie liegt bei Anna-Sophia Güther.
Von Clara Winter
Ein Buch von einer Frau, inszeniert von Frauen, mehr als 130 Jahre nach seinem Erscheinen. Und ausgerechnet jetzt wirkt dieser Titel alles andere als historisch. Denn man muss sich nichts vormachen: Bertha von Suttner wäre heute wahrscheinlich wieder anstrengend. Sie würde mahnen, schreiben, auf Kongressen reden, Interviews geben, Politiker nerven und darauf bestehen, dass Aufrüstung kein Naturgesetz ist. Vermutlich säße sie auch in Talkshows, in denen ihr vier Männer erklären, warum die Welt komplizierter sei, als sie glaube.
Dabei kannte Suttner diese Welt sehr gut. Sie wurde 1843 als Gräfin Kinsky in Prag geboren. Ihr Vater war Feldmarschallleutnant, ihr Großvater Kavallerieoffizier. Das Militär war in ihrer Familie nichts Exotisches, sondern Teil der gesellschaftlichen Ordnung. Es gehörte zum guten Ton, zur Herkunft und ein wenig auch zum Mobiliar. Man fragte nicht ernsthaft, ob Kriege sein mussten. Sie waren eben da.
Dass ausgerechnet diese Frau später zur berühmtesten Pazifistin Europas wurde, gehört zu den hübscheren Widersprüchen ihrer Biografie. Ein bequemes Leben hatte sie zunächst ohnehin nicht. Das Vermögen der Familie schmolz dahin, und mit dreißig nahm Bertha Kinsky eine Stelle als Gouvernante im Haus der Familie Suttner in Wien an. Sie sollte die Töchter des Hauses unterrichten und verliebte sich stattdessen in den jüngeren Sohn Arthur Gundaccar von Suttner. Die Familie war, vorsichtig gesagt, wenig begeistert.
Bertha ging nach Paris. Dort trat sie eine Stelle bei Alfred Nobel an, jenem schwedischen Erfinder, der mit Dynamit reich geworden war. Sehr lange blieb sie nicht. Sie kehrte nach Wien zurück, heiratete Arthur heimlich und ging mit ihm in den Kaukasus. Das klingt im Rückblick romantischer, als es wohl war. Die beiden lebten dort keineswegs wie ein aristokratisches Traumpaar, sondern gaben Unterricht, schrieben Artikel, übersetzten und versuchten, Geld zu verdienen.

Für Bertha von Suttner wurden diese Jahre zur eigentlichen Ausbildung als Schriftstellerin. Sie lernte, dass man mit Worten nicht nur Salons unterhalten, sondern im Zweifelsfall auch Rechnungen bezahlen musste. Als sie 1885 nach Österreich zurückkehrte, war aus der jungen Gräfin längst eine Autorin geworden. Wenige Jahre später wurde sie auch zu einer politischen Figur.
1889 erschien „Die Waffen nieder!“. Der Roman erzählt vom Krieg nicht aus der Perspektive von Generälen, Kaisern oder Strategen, sondern aus jener einer Frau, die erlebt, was hinter den großen Worten tatsächlich geschieht. Aus Patriotismus werden Verwundete, aus Ruhm werden Tote, aus Geschichte werden Familien, die plötzlich jemanden vermissen. Genau darin lag der eigentliche Kunstgriff des Buches.
Suttner stritt nicht nur gegen den Krieg. Sie zog ihm die Uniform aus. Sie nahm ihm das Pathos, die Märsche, die Fahnen und die hübschen Bilder und zeigte, was übrig bleibt, wenn tatsächlich geschossen wird. Das war für eine Zeit, die den Krieg gern mit Trompeten begleitete, eine ziemlich ungehörige Perspektive.

Das Buch wurde ein Bestseller, sein Titel zum Schlagwort einer ganzen Bewegung. Suttner selbst wurde plötzlich zu einer öffentlichen Figur in einer Epoche, in der Frauen vor allem dann gern gesehen waren, wenn sie nicht allzu öffentlich wurden. 1891 half sie bei der Gründung der Österreichischen Friedensgesellschaft und wurde deren Präsidentin. Sie reiste durch Europa, sprach auf Kongressen, schrieb Artikel und führte eine Korrespondenz, die heute vermutlich mehrere Mailserver füllen würde.
Und dann war da noch Alfred Nobel. Aus der kurzen Pariser Bekanntschaft war eine lange Verbindung geworden. Nobel und Suttner schrieben einander über Krieg, Frieden, Abrüstung und die Frage, ob Staaten irgendwann dazu gebracht werden könnten, miteinander zu reden, bevor sie aufeinander schießen. Später stiftete Nobel den Friedenspreis. Wie groß Suttners Anteil daran war, lässt sich nicht mathematisch ausrechnen, aber dass sie ihn beeinflusst hat, ist kaum zu bestreiten.
1905 erhielt Bertha von Suttner diesen Preis schließlich selbst. Sie war die erste Frau, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Das Nobelkomitee ehrte damit eine Frau, die sich in einer beinahe vollständig von Männern dominierten politischen Öffentlichkeit erstaunliche Autorität erarbeitet hatte. Zeitgenossen nannten sie sogar das „Generalissimo der Friedensbewegung“. Einen schöneren Beleg dafür, wie sehr das Militärische damals die Sprache beherrschte, kann man sich kaum wünschen: Selbst eine Pazifistin bekam zur Auszeichnung einen imaginären Generalsrang.
Das Tragische an Bertha von Suttner ist nicht, dass sie die Welt falsch eingeschätzt hätte. Im Gegenteil. Sie warnte vor Nationalismus, vor dem Wettrüsten und vor einem großen europäischen Krieg. Sie fürchtete, dass die technischen Möglichkeiten des Tötens irgendwann schneller wachsen könnten als die Vernunft derer, die darüber entschieden.
Bertha von Suttner starb am 21. Juni 1914 in Wien. Eine Woche später wurde in Sarajevo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand erschossen. Fünf Wochen danach war Europa im Krieg. Man braucht dieser Chronologie eigentlich nichts hinzuzufügen. Sie erledigt jede nachträgliche Dramatisierung selbst.
Heute kann man Suttner natürlich leicht zur Heiligen machen. Das wäre bequem. Man stellt ihr Gesicht auf Münzen, benennt Straßen und Schulen nach ihr und hat damit das gute Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Aber Bertha von Suttner war interessanter als eine Gedenktafel. Sie war streitbar, manchmal pathetisch, wahrscheinlich auch eitel und vor allem überzeugt davon, dass politische Verhältnisse nicht deshalb vernünftig sind, nur weil sie schon lange bestehen.
Gerade das macht sie heute wieder interessant. Denn auch 2026 ist die Frage nicht erledigt, wie Frieden eigentlich entstehen soll. Was passiert, wenn einer die Waffen niederlegt und der andere nicht? Wann ist Diplomatie klug und wann bloß ein anderes Wort für Hilflosigkeit? Wie verteidigt man sich, ohne selbst jene Logik zu übernehmen, die man eigentlich überwinden möchte? Bertha von Suttner hätte darauf vermutlich keine einfache Antwort gehabt. Sie hätte die Fragen aber auch nicht für naiv gehalten.
Am 25. September kommt ihr Roman in Graz wieder auf die Bühne. Das Schauspielhaus macht damit etwas, das Theater im besten Fall kann: Es holt einen alten Text aus dem Regal und prüft, ob er noch etwas mit der Gegenwart zu tun hat. Bei „Die Waffen nieder!“ fällt die Antwort leider ziemlich eindeutig aus. Der Satz klingt nicht alt genug.
Eigentlich wäre es schöner, Bertha von Suttner hätte sich geirrt.
