Mit „Meeting the Buddha“ erzählt Márta György-Kessler vom 16. Karmapa, von seiner Flucht aus Tibet und von der ungewöhnlichen Verbindung zu Ole und Hannah Nydahl. Im Gespräch erklärt die Regisseurin, wie aus den Fragen ihres Publikums ein 144-minütiger Dokumentarfilm wurde.
Ein dänischer Hippie, seine Frau und einer der bedeutendsten tibetischen Meditationsmeister des 20. Jahrhunderts: Die Ausgangslage von „Meeting the Buddha“ klingt beinahe wie ein Abenteuerfilm. Márta György-Kesslers Dokumentation führt jedoch mitten hinein in die Geschichte des tibetischen Buddhismus und seiner Ankunft im Westen. Im Zentrum steht Rangjung Rigpe Dorje, der 16. Gyalwa Karmapa, geistiges Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie. Nach seiner Flucht aus Tibet errichtete er 1959 im indischen Sikkim mit dem Kloster Rumtek einen neuen Hauptsitz im Exil.
1969 begegneten ihm Ole und Hannah Nydahl im Himalaya. Aus zwei westlichen Suchenden wurden Schüler und Vermittler. Im Auftrag des Karmapa reisten sie durch die Welt und gründeten Meditationszentren. Der Film verbindet Interviews, seltenes Archivmaterial, Animationen und Aufnahmen an historischen Schauplätzen. Kurz vor dem Kinostart erhielt er eine abschließende Dimension: Lama Ole Nydahl starb am 18. Mai 2026. Damit ist „Meeting the Buddha“ auch zum Vermächtnis einer Lebensarbeit geworden.
Das Feuilleton: Frau György-Kessler, wie entstand die Idee zu „Meeting the Buddha“?
Ich bin bereits mit meinem ersten Film „Hannah: Ein buddhistischer Weg zur Freiheit“ um die Welt gereist. Bei den Fragerunden zeigte sich immer wieder großes Interesse: Wer ist der 16. Karmapa? Wie verlief sein Leben? Wie kam er aus Tibet? Was ist die Karma-Kagyü-Linie? Wer ist Lama Ole und was ist seine Geschichte?
Das Publikum wollte also den Film hinter dem ersten Film sehen?
Ja. Aus diesen Fragen entstand die Idee, einen Film über die Lebensgeschichte des 16. Karmapa zu entwickeln: über seine Präsenz, seine Flucht aus Tibet, den Aufbau seines neuen Hauptsitzes in Sikkim und die Begegnung mit Ole und Hannah.
Sie erzählen eine spirituelle, zugleich aber auch eine historische Geschichte.
Der 16. Karmapa musste seine jahrhundertealte Linie im Exil bewahren. Gleichzeitig erkannte er, dass die Lehren den Westen erreichen konnten. Ole und Hannah kamen aus einer völlig anderen Kultur. Durch ihre Begegnung mit ihm wurde Lama Ole zu einem buddhistischen Lehrer. Gemeinsam mit Hannah brachte er Buddhas Lehre durch ununterbrochene Reisen in die westliche Welt und berührte tausende Leben.
Welche Erfahrungen aus „Hannah“ konnten Sie nutzen?
Der Film war meine erste Arbeit als Produzentin und Regisseurin und wurde zur wichtigen Grundlage für „Meeting the Buddha“. Ich lernte, wie man einen internationalen Dokumentarfilm entwickelt: von der Recherche über den Aufbau der Geschichte bis zur Auswahl der Interviewpartner, die ihr Tiefe und Authentizität verleihen.
Sie konnten auch auf unverwendetes Material zurückgreifen.
Wir hatten umfangreiches Archivmaterial aus der Arbeit an „Hannah“. Viele Interviews und Aufnahmen, die dort keinen Platz fanden, erwiesen sich nun als essenzielle Elemente. Die eigentliche Herausforderung war, diese Fülle zu organisieren.
Wie groß war sie?
Über anderthalb Jahre arbeiteten wir mit Editoren und Co-Autoren an der Struktur. Die Interviews wurden transkribiert, ausgewertet und zu einer Storyline mit 14 Kapiteln entwickelt. Noch vor dem finalen Schnitt entstand ein zehnstündiger Rohschnitt. Diese Vorarbeit hat den kreativen Prozess entscheidend erleichtert.
Was musste der Film bei aller Kürzung bewahren?
Nicht nur die Chronologie, sondern die innere Entwicklung der Menschen. Wir wollten zeigen, weshalb eine einzige Begegnung ein ganzes Leben verändern kann. Das internationale Team hat den Film in unterschiedlichen Produktionsphasen geprägt und ihm seine Tiefe gegeben.
Das emotionale Zentrum ist die Beziehung zwischen Ole Nydahl und dem 16. Karmapa. Was machte sie so besonders?
Im Diamantweg der Karma-Kagyü-Linie ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler entscheidend. Der Lehrer wird als lebendiger Buddha gesehen. Er zeigt dem Schüler direkt, wie der Geist wirklich ist, und führt ihn zur wahren Natur des Geistes.
Wie lässt sich das filmisch greifbar machen?
Indem man bei der konkreten Begegnung bleibt. Hannah und Ole hatten keine Pläne, Buddhisten zu werden. Sie wollten verstehen, was im Geist vorgeht und was jenseits der materiellen Welt existiert. Die Begegnung war so kraftvoll, dass sie sofort wussten: „Das ist der Mann, von dem wir lernen wollen.“ Sie öffneten sich völlig als Schüler und begannen zu praktizieren.
Was berührt Sie daran am stärksten?
Es ist dieses tiefe Band, das alles verändert hat. Der 16. Karmapa wusste, dass genau diese beiden Menschen die Kraft hatten, die Belehrungen in den Westen zu bringen. Am meisten berührt mich ihre bedingungslose Hingabe: Sie haben das, was sie von ihrem Lehrer gelernt und tief verstanden hatten, in unsere westliche Welt weitergetragen.
Sie selbst haben den 16. Karmapa nie getroffen. Wie nähert man sich ihm?
Besonders wichtig waren die Gespräche mit Lama Jigme Rinpoche. Als Neffe und enger Begleiter des 16. Karmapa kannte er dessen Leben aus nächster Nähe und half uns, auch in den Details authentisch zu bleiben. Der Karmapa ließ ihn einst als seinen Vertreter in Frankreich zurück und sagte: „Mit Lama Jigme lasse ich ein Stück meines Herzens hier.“ Seine Perspektive war für uns von unschätzbarem Wert.
Welche weiteren Gespräche bildeten das Rückgrat des Films?
Natürlich die Interviews mit Lama Ole, der seine eigene Geschichte erzählte. Andere Tibeter, die den 16. Karmapa persönlich erlebt hatten, eröffneten zusätzliche, sehr intime Einblicke. Außergewöhnlich war auch das Gespräch mit dem 17. Karmapa Thaye Dorje. Seine Erinnerungen an Kindheit und Jugend sowie seine Zusammenarbeit mit Ole und Hannah verleihen dem Film eine besondere Tiefe.
Welche Bedeutung hatten die Drehorte?
Wir filmten in Dänemark, rund um Kopenhagen, der Heimat von Ole und Hannah und dem Ort, an dem das erste Zentrum entstand. In Asien drehten wir in Nepal, Rumtek und Bhutan. Diese Orte sind eng mit der Geschichte der Karmapas verbunden. Sie sollten nicht bloß Kulisse sein, sondern Erinnerung tragen.
Wie funktionierte die internationale Zusammenarbeit?
Eine zentrale Rolle spielten die Co-Autoren Adam Penny und Tobias Dörr. Dazu kam ein sensibles, visuell starkes Kamerateam. Organisatorisch war die Produktion aufwendig, auch weil viele Interviews auf Tibetisch geführt und übersetzt wurden. Mit dem ungarischen Editor-Team entstand der Rohschnitt; in London formten wir daraus die finale Erzählung.
„Meeting the Buddha“ setzt auf Biografien, Erinnerungen und die Kraft überlieferter Bilder. György-Kessler erzählt nicht aus der Distanz. Sie kennt Ole und Hannah Nydahl seit Jahrzehnten, reiste mit ihnen und arbeitete in buddhistischen Gemeinschaften. Diese Nähe ist Stärke und erkennbare Perspektive des Films.
Nach „Hannah“ weitet sie nun den Blick auf den Lehrer, die Linie und jene Begegnung, aus der eine weltweite Bewegung hervorging. So wird aus spiritueller Geschichte menschliches Kino – über Vertrauen, Hingabe und den Augenblick, nach dem nichts mehr ist wie zuvor.
„Meeting the Buddha“, Großbritannien 2025, Regie: Márta György-Kessler, 144 Minuten. Kinostart: 25. September 2026.
