Conan Doyle am Dartmoor: „A Gigantic, Glowing Hound!”


SPURENSUCHE. „The Hound of the Baskervilles” ist eine der bekanntesten Sherlock-Holmes-Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle. Der Autor reiste dafür um die Jahrhundertwende extra aufs Dartmoor – eine karge und manchmal angsteinflößende Landschaft im Süden Englands. Wir haben uns auf seine Spur geheftet und vor Ort die Wurzeln der Legende gefunden. 

Von Bernhard Baumgartner

Nebel, überall Nebel! Das Dartmoor macht seinem Ruf an diesem frostigen Julitag alle Ehre. In der Nacht hat es geschüttet wie in einem Tropensturm und nun ziehen dichte Schwaden über die endlos weiten Heide-Flächen mit ihren typischen Granitformationen. Kein Baum weit und breit zu sehen, man erahnt eine braun-grüne Hügellandschaft. Und würde der Nebel das nicht verunmöglichen, würde man die vielen Granitfelsen auf den Spitzen der Hügel sehen, die man hier „Tor“ nennt. 

Hier am „Hound Tor“ haben sich noch keine neugierigen Besucher eingefunden. Nur die allgegenwärtigen Schafe, die jemand zur Wiedererkennung mit pinkem und grünem Spray gekennzeichnet hat, lassen sich durch uns neugierig in ihrem Frühstück stören. Sie erinnern Sherlock-Leser unweigerlich an den schaurigen, mit Leuchtfarbe angemalten „Hound“, die Kernfigur der Geschichte. Das Tier wird bekanntlich auf den Erben des Clans der Baskervilles gehetzt. Diese haben seit Generationen auf dem Dartmoor im südenglischen Devon ein stolzes Anwesen. Der Hund sollte ihn zu Tode erschrecken. Es ist eine schnöde Erbschaftssache, die Sir Arthur als Motiv für seinen Täter überlegt hat. 

Ruinen einer alten Kirche mit einem verwitterten Grabstein im Vordergrund, umgeben von hohem Gras.
Foto: Baumgartner

„The Hound of the Baskervilles“ ist ursprünglich von August 1901 bis April 1902 in der Zeitschrift „The Strand Magazine“ erschienen. Der Roman spielt im Jahr 1889, vor allem im Dartmoor in Englands West Country, und erzählt die Legende eines furchterregenden, teuflischen Hundes. Holmes und Watson werden zu Hilfe gerufen, um Licht ins Dunkel zu bringen. Es war der erste literarische Auftritt von Holmes seit seinem scheinbaren Tod in „Das letzte Problem“, und der Erfolg des Vierteilers führte zu einer Wiederbelebung durch Sir Arthur, zu diesem Zeitpunkt längst ein Star-Autor.

Zur Recherche am Moor

Fest steht: Conan Doyle hatte für die Geschichte mehrere Wochen zur Recherche am Dartmoor verbracht. Er logierte im „Duchy Hotel“ in Princetown, dem ersten Haus am Platz. Von da machte er viele Wanderungen und Kutschenfahrten durchs Moor. „Heute haben wir 14 Meilen an einem Tag gemacht“ schrieb er an einen Freund. Eine schöne Leistung in der Landschaft. Das Duchy Hotel, ein in seinem kolonial wirkenden Baustil fast deplatziert wirkendes Gebäude, steht immer noch im Zentrum von Princetown. Von diesem erhöhten Punkt muss Doyle eine hervorragende Sicht über die Landschaft zwischen Princetown und Postbridge gehabt haben. 

Ansicht eines historischen Gebäudes mit einer markanten Architektur und einem begrünten Eingangsbereich, gelegen an einer gepflasterten Straße.
Das ehemalige Duchy Hotel in Princetown: Hier wohnte Sir Arthur Conan Doyle 1901 während seiner Recherchen für The House of the Baskervilles. Heute beherbergt das Gebäude das Besucherzentrum des Dartmoor National Park. Foto: Baumgartner

Heute ist in dem ehemaligen Hotel die Nationalparkverwaltung untergebracht. Sherlock ist auch hier allgegenwärtig. Er grüßt lebensgroß als Figur beim Eingang und in einer kleinen Dauerausstellung kann man sich über die Legende informieren. Selbstredend kann man die berühmte „Deerstalker“-Kappe mit den nach oben gebundenen Ohrenklappen kaufen, quasi das Markenzeichen des berühmtesten Detektivs der Welt. Doch die hier feilgebotene Ware ist für Touristen kratzig und unangenehm, und hat mit dem wunderbar gefütterten Original aus Tweed nichts zu tun. Drei Meilen südlich vom Haus kann man einen völlig abgelegenen Ort besuchen, den Doyle als „Grimpton Mire“ beschreibt, an dem der Übeltäter den Hund hält. Ein zugenageltes verlassenes Haus in typischer grauer Steinbauweise lässt hier die Fantasie jubilieren. 

Auch das berühmte Gefängnis in Princetown, aus dem im Buch ein Sträfling entfloh, ist aus demselben regionaltypischen Stein. Heute ein Museum, war es noch vor wenigen Jahren tatsächlich als Gefängnis für die allerschwersten Jungs in Betrieb. Hier zu fliehen war damals wie heute völlig sinnlos. Das Gelände ist weithin einsehbar, kein Baum bietet ein brauchbares Versteck.

Das Grab des berüchtigten Squire Richard Cabell in Buckfastleigh gilt als eine der Inspirationsquellen für Arthur Conan Doyles The Hound of the Baskervilles. Der Legende nach sollen nach Cabells Tod im Jahr 1677 schwarze Hunde um sein Grab geheult haben. Besonders unheimlich wirkt die Grabstätte bis heute durch die massiven Gitterstäbe, mit denen sie eingefasst ist – als müsse man weniger verhindern, dass jemand hineinkommt, als vielmehr, dass etwas herauskommt. Foto: Baumgartner

Ein bissiges Grab

Aber uns zieht es nun nach Südwesten, wir wollen der Wurzel der Legende um die mystisch leuchtenden Hunde auf den Grund gehen. Die ist nämlich bei weitem älter als 1901. Sie geht auf Richard Cabell (1621-1677) zurück, einem Gutsbesitzer in Brook Manor bei Buckfastleigh. Seine Familie besaß Land im Süden von Dartmoor. Cabell lebte für die Jagd und wurde damals als „monströs böser Mann“ bezeichnet. Diesen Ruf erwarb er sich durch seine Unmoral. Er soll seine Seele an den Teufel verkauft haben. Es ging auch das Gerücht um, er habe seine Frau Elizabeth ermordet. 

Als er am 5. Juli 1677 starb, wurde er in einem aufwändigen Familiengrab auf dem Friedhofhof von Buckfastleigh beigesetzt. Es gibt eine Legende, wonach seine Seele zur Strafe für die böse Tat von der „Wilden Jagd“ entführt wurde und dass man in der Nacht seines Todes feuerspeiende Hunde („Hounds with eyes like glowing coal“) an den Fenstern von Brook Manor vorbeiziehen sah. 

Ruinen eines alten Gebäudes mit Steinbögen und grüner Vegetation im Inneren.
Foto: Baumgartner

Wer dem alten Cabell einen Besuch abstatten will, muss zur Holy Trinity Church, die auf einem Hügel über Buckfastleigh ruht. „Ruht“ ist wörtlich gemeint, denn 1992 fiel das stolze Gotteshaus einem Brandanschlag zum Opfer und brannte völlig aus. Nur noch die Außenmauern stehen, deren leere, glaslosen Fenster eine Kulisse für etwas noch viel Schaurigeres bieten: Richard Cabells Sarkophag ruht in einem schmucklosen Häuschen. Dicke, schwarz lackierte Metallgitter schützen die Öffnung, durch die man das Grab sehen kann. Die Steinplatte auf dem Sarkophag ist mindestens fünfzehn Zentimeter dick. Das und die übertrieben dicken Metallgitter wirken, als wollte man hier ganz sicher gehen, dass da nichts rauskommt. 

Benedict Cumberbatch als bislang eindringlichste Personifizierung von Sherlock Holmes am Dartmoor. Foto: BBC

Wir treffen zufällig auf Roger, der hier als Ranger arbeitet. „Kleinen Kindern“, so erzählt der alterslose Filzhutträger, „wird von ihren Großeltern eingeschärft, hier niemals durch die Gitter zu greifen“. Es sollen schon manche kleinen Finger beim Versuch, hier mutig zu sein, gebissen worden sein. Die Inspiration, die sich Doyle hier holte, war damals schon mindestens 250 Jahre alt und basiert auf einer in der Gegend jedem Kind bekannten Geschichte. Aber es war Conan Doyle, der ihr in leicht abgewandelter Form ein literarisches Denkmal gesetzt hat.

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