Der Mann, der uns die Indianer erfand


Vor 175 Jahren starb James Fenimore Cooper. Mit dem „Letzten Mohikaner“ schuf er eines der mächtigsten Bilder Amerikas. Heute würde man ihm üble Stereotype, kulturelle Aneignung und die Verklärung des „edlen Wilden“ vorwerfen. Zu Unrecht wäre das nicht. Aber wird es ihm auch gerecht?

Von Kerstin Gruber

Es gibt Schriftsteller, deren Bücher irgendwann aus den Nachtkästchen verschwinden, während ihre Figuren dortbleiben. Man liest sie nicht mehr, aber man kennt sie. Sie haben sich von ihren Schöpfern gelöst und führen ein eigenes Leben in Filmen, Redensarten, Kindheitserinnerungen und in jener merkwürdigen Abteilung unseres Gedächtnisses, in der wir Dinge aufbewahren, von denen wir gar nicht mehr wissen, woher wir sie haben. 

James Fenimore Cooper (1789 – 1851) gehört zu diesen Autoren. Wer heute an den schweigsamen Trapper denkt, der sich sicherer durch den Wald bewegt als durch einen Salon, an den stolzen indianischen Krieger, an den letzten Angehörigen eines untergehenden Volkes oder überhaupt an die amerikanische Wildnis als moralischen Gegenentwurf zur Zivilisation, bewegt sich auf einem Gelände, das Cooper vor rund zweihundert Jahren literarisch vermessen hat. Am 14. September 1851 starb er in Cooperstown im Bundesstaat New York, einen Tag vor seinem 62. Geburtstag. Sein Name ist inzwischen weit weniger präsent als sein berühmtestes Buch. „Der letzte Mohikaner“ hingegen kennt noch immer fast jeder. Und sei es nur deshalb, weil der Titel zur Redewendung geworden ist.

Das ist für einen Roman aus dem Jahr 1826 eine beachtliche Karriere. Allerdings eine, die heute mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist. Schon der Titel würde vermutlich genügen, um in einer modernen Verlagskonferenz eine längere Diskussion auszulösen. Ein weißer amerikanischer Schriftsteller erzählt von indigenen Menschen, lässt sie in einer von europäischen Vorstellungen geprägten Sprache reden, versieht sie mit bestimmten Charaktereigenschaften und macht sie schließlich zu Symbolen einer Welt, die angeblich dem Untergang geweiht ist. Man müsste über Fremd- und Selbstbezeichnungen sprechen, über kulturelle Aneignung, koloniale Perspektiven, Stereotype und darüber, wer eigentlich das Recht hat, wessen Geschichte zu erzählen. Vermutlich würde irgendwo im Raum auch der Begriff „Sensitivity Reading“ fallen. Man kann also leicht über ihn spotten. Man sollte es sich aber nicht ganz so einfach machen. Denn einige dieser Einwände treffen Cooper durchaus. Nur treffen sie ihn nicht vollständig.

Cooper wurde 1789 geboren, also in einem Amerika, das selbst kaum älter war als er. Sein Vater William war Richter, Politiker, Landunternehmer und einer jener Männer, die aus Wald Besitz, aus Besitz Siedlungen und aus Siedlungen Städte machten. Cooperstown trägt bis heute den Namen der Familie. James wuchs am Otsego Lake auf, in einer Gegend, in der die Verdrängung indigener Bevölkerung keine Geschichte aus ferner Vergangenheit war, sondern etwas, dessen Folgen man ringsum sehen konnte. Die Grenze zwischen europäischer Besiedlung und indianischem Lebensraum war nicht bloß eine Linie auf einer Landkarte, sondern Teil seiner unmittelbaren Umgebung. Cooper erfand also keine vollständig imaginäre Welt. Er kannte Erzählungen, historische Quellen und Menschen, die diese Konflikte erlebt hatten. Das machte ihn keineswegs zu einem Ethnologen und schon gar nicht zu einem heutigen Kenner indigener Kulturen. Aber es unterscheidet ihn doch von jemandem, der irgendwo in Europa am Schreibtisch saß und sich ein exotisches Volk zurechtfantasierte.

Doch darin liegt die Spannung seines Werkskorpus. Cooper wollte die indigene Bevölkerung Amerikas nicht lächerlich machen. Ganz im Gegenteil. Er erhob sie zu großen literarischen Figuren, und genau das wurde zum Problem. Da ist Chingachgook, der stolze Mohikaner, da ist sein Sohn Uncas, jung, tapfer und zum Untergang bestimmt, und da ist Natty Bumppo, der weiße Grenzgänger, der als Falkenauge, Lederstrumpf und unter anderen Namen durch die Romane zieht. Bumppo gehört zur Welt der europäischen Siedler und ist ihr zugleich entfremdet. 

Er kennt die Wälder besser als die Städte, folgt Spuren sicherer als Gesetzen und betrachtet die sogenannte Zivilisation mit einem Misstrauen, das sich durch Coopers Bücher zieht. Man braucht nicht viel Fantasie, um in ihm einen Urgroßvater des Westernhelden zu erkennen. Der wortkarge Einzelgänger, der seinen eigenen moralischen Kodex besitzt und irgendwo zwischen Gesetz und Wildnis lebt, hat die amerikanische Populärkultur bis heute nicht verlassen.

Bei den indigenen Figuren wird es heikler. Cooper bewundert sie. Er zeichnet sie als stolz, naturverbunden, mutig, würdevoll, mitunter von beinahe aristokratischer Haltung. Das klingt zunächst wie das Gegenteil von Rassismus. Und doch liegt gerade darin ein Teil des Problems. Denn auch Bewunderung kann Menschen auf eine Rolle festlegen. Der „edle Wilde“ bleibt ein Wilder, auch wenn man das Adjektiv noch so freundlich meint. Wer Menschen pauschal besondere Naturverbundenheit, Spiritualität, Weisheit oder Ursprünglichkeit zuschreibt, hebt sie scheinbar empor und macht sie zugleich zu etwas anderem als sich selbst. Das freundliche Klischee bleibt ein Klischee. Vielleicht ist es sogar langlebiger als das offen feindselige, weil es sich so angenehm anfühlt. Cooper hätte diesen Vorwurf vermutlich entrüstet zurückgewiesen. Und er hätte sogar einiges zu seiner Verteidigung vorbringen können.

Denn so schlicht, wie wir seine Bücher heute gern sortieren würden, sind sie nicht. Bei Cooper sind die Weißen keineswegs automatisch die Guten und die Indigenen keineswegs die Bösen. Unter beiden gibt es Verräter, grausame Menschen, loyale Freunde und edle Charaktere. Vor allem aber genießt die europäische Zivilisation bei ihm keinen moralischen Freibrief. Straßen, Städte, Eigentum und Fortschritt erscheinen immer wieder als zweifelhafte Segnungen. Der Wald besitzt eine Würde, die die Siedlung erst beweisen muss. Was die Weißen gewinnen, ist bei Cooper häufig mit einem Verlust verbunden. Er erzählt vom Fortschritt und trauert zugleich über das, was dieser Fortschritt zerstört. 

„Der letzte Mohikaner“ wurde mehrfach verfilmt, hier in der Version mit Daniel Day Lewis.

Das ist bemerkenswert, weil „Der letzte Mohikaner“ 1826 erschien, also nicht in einer Epoche, in der die Verdrängung der indigenen Bevölkerung bereits als abgeschlossenes historisches Unrecht betrachtet werden konnte. Vier Jahre später unterzeichnete Präsident Andrew Jackson den Indian Removal Act. Die großen Zwangsumsiedlungen lagen noch vor Amerika. Cooper schrieb mitten in einer Gesellschaft, die jene Welt zerstörte, deren Verschwinden seine Romane bereits beklagten.

Genau das der interessanteste Punkt an ihm. Cooper war Nutznießer und Kritiker derselben Entwicklung. Seine Familie gehörte zu jenen, die von der Erschließung des Landes profitierten. Gleichzeitig begriff der Sohn, dass dabei etwas unwiederbringlich verloren ging. Darin steckt jene Melancholie, die seine Abenteuerromane bis heute vor bloßer Bubenliteratur bewahrt. Hinter den Gewehren, Kanus, Verfolgungsjagden und Kämpfen liegt ständig das Gefühl, dass eine Epoche zu Ende geht. Cooper liebt die Wildnis gerade deshalb so innig, weil er weiß, dass sie nicht bleiben wird. Er bewundert Menschen, die nach seiner Vorstellung mit dieser Wildnis verbunden sind, und macht sie damit zugleich zu Figuren des Abschieds. Uncas ist nicht einfach ein junger Mann. Er muss gleich ein ganzes Volk beim Sterben vertreten. Das ist literarisch ungeheuer wirkungsvoll und historisch höchst problematisch. Denn die Vorstellung vom „verschwindenden Indianer“ hat dazu beigetragen, lebende indigene Gesellschaften gedanklich in die Vergangenheit zu verbannen.

Heute wissen wir, wie falsch dieses Bild ist. Die indigenen Völker Nordamerikas sind nicht irgendwann im 19. Jahrhundert verschwunden. Sie leben, sprechen unterschiedliche Sprachen, besitzen verschiedene Traditionen, politische Institutionen und völlig unterschiedliche Erfahrungen. „Die Indianer“ gab es schon deshalb nie, weil Hunderte Gesellschaften unter einer europäischen Sammelbezeichnung zusammengefasst wurden. Cooper konnte oder wollte diese Vielfalt nur eingeschränkt sehen. Er brauchte für seine Literatur größere Figuren, klare Gegensätze und einen tragischen historischen Bogen. Das Ergebnis war mächtiger als die Wirklichkeit und wurde deshalb für Millionen Leser selbst zu einer Art Wirklichkeit.

In Europa wirkte das besonders stark. Generationen von Kindern lernten Amerika nicht zuerst aus Geschichtsbüchern kennen, sondern aus Abenteuerromanen. Sie wussten nichts über den Siebenjährigen Krieg in Nordamerika, kaum etwas über die Mohikaner, Delaware oder Mohawk und noch weniger über die komplizierten Bündnisse zwischen indigenen Nationen und europäischen Mächten. Aber sie kannten Falkenauge. Sie wussten, wie ein amerikanischer Wald auszusehen hatte, ohne jemals einen gesehen zu haben. Später trat Karl May hinzu und machte aus der europäischen Sehnsucht nach Amerika endgültig ein eigenes Universum. Winnetou wäre ohne die literarische Vorarbeit Coopers schwer vorstellbar. Amerika wurde zu einer moralischen Landschaft: Freundschaft war dort unbedingt, Verrat tödlich, ein Handschlag noch etwas wert und der Horizont unendlich. Mit der historischen Wirklichkeit hatte das ungefähr so viel zu tun wie das Wien einer Operette mit einem nassen Dienstagmorgen am Gürtel. Aber erfundene Welten sind nicht deshalb unwirksam, weil sie erfunden sind.

Gerade das erklärt, weshalb Cooper heute ein so interessanter Fall ist. Man könnte ihn rasch zu einem weiteren Angeklagten in jener großen nachträglichen Gerichtsverhandlung machen, in der die Gegenwart die Vergangenheit vorlädt und ihr mitteilt, welche Begriffe sie vor zweihundert Jahren besser hätte verwenden sollen. Das wäre bequem. Es wäre aber auch ziemlich geistlos. Natürlich dürfen wir Cooper nach heutigen Maßstäben beurteilen. Wir besitzen keine anderen als unsere eigenen. Nur sollten wir nicht so tun, als hätte ein Schriftsteller von 1826 sämtliche Debatten des Jahres 2026 kennen müssen. Geschichte wird zur Karikatur, wenn man sie ausschließlich danach beurteilt, ob ihre Figuren unseren gegenwärtigen moralischen Wortschatz beherrschten. Ein Roman, dessen Figuren im amerikanischen Grenzland des 18. Jahrhunderts bereits so sprächen, als hätten sie eben ein Seminar über postkoloniale Theorie verlassen, wäre zwar womöglich korrekt, aber vermutlich ziemlich schlechte historische Literatur.

Interessanter ist es, die Widersprüche auszuhalten. Cooper verklärt indigene Menschen und gibt ihnen zugleich eine Würde, die viele seiner Zeitgenossen ihnen verweigerten. Er schreibt Stereotype fest und erzeugt gleichzeitig Empathie. Er betrachtet sie von außen und versucht dennoch, ihre Perspektive wenigstens teilweise ernst zu nehmen. Er sieht die Expansion der weißen Siedlergesellschaft als Fortschritt und als Tragödie. All das steht nebeneinander. Nichts davon lässt sich durch ein Etikett erledigen. Vielleicht besteht gerade darin der Nutzen alter Literatur: Sie zwingt uns zu einer Zumutung, die unsere Gegenwart nicht besonders schätzt. Man muss zwei widersprüchliche Gedanken gleichzeitig im Kopf behalten.

Was also tun mit James Fenimore Cooper? Ihn verbieten? Dazu besteht kein vernünftiger Anlass. Ihn mit einem erklärenden Vorwort versehen? Warum nicht, sofern das Vorwort nicht länger wird als der Roman. Ihn im Unterricht kritisch lesen? Unbedingt. Man kann heute sehr genau erklären, welche Vorstellungen von indigenen Kulturen Cooper übernommen und weitergetragen hat. Man kann zugleich zeigen, dass sein Werk mehr ist als die Summe seiner problematischen Begriffe. Alte Bücher sind schließlich keine Bewerber für eine Stelle in unserer Gegenwart. Sie müssen keinen Gesinnungstest bestehen. Sie dürfen uns irritieren, widersprechen und gelegentlich auch ärgern. Gerade deshalb bewahren wir sie auf.

Vielleicht würde Cooper in unserer Zeit tatsächlich zum Feindbild taugen. Zumindest für ein paar Tage. Irgendwer würde einen besonders unglücklichen Satz aus seinen Romanen fotografieren, ins Netz stellen und erklären, damit sei eigentlich alles gesagt. Ein anderer würde ihn verteidigen, vermutlich mit derselben Übertreibung. Nach 48 Stunden hätten beide Lager einander blockiert. Cooper selbst hätte sich wahrscheinlich eingemischt. Er war streitlustig, prozessierte gegen Zeitungen und konnte Kritik schlecht auf sich beruhen lassen. Man darf also annehmen, dass er auf sozialen Medien eine interessante Erscheinung gewesen wäre.

Und vielleicht hätte er sogar mit einem gewissen Recht geschrieben, man habe ihn missverstanden. Denn James Fenimore Cooper wollte die indigenen Menschen Amerikas nicht verächtlich machen. Er wollte ihnen eher ein Denkmal setzen. Nur bestand das Material dieses Denkmals aus den Vorstellungen seiner eigenen Epoche: Romantik, Bewunderung, europäische Projektionen, Vorurteile und blinde Flecken. Heute sehen wir die Risse darin deutlicher als seine ersten Leser. Das ist kein Grund, das Denkmal zu sprengen. Man kann darum herumgehen, seine Rückseite betrachten, die Inschrift erklären und darauf hinweisen, wer auf dem Sockel fehlt.

Und dann kann man „Der letzte Mohikaner“ wieder aufschlagen. Nicht weil wir inzwischen gelernt hätten, über alle Einwände hinwegzusehen. Sondern gerade weil wir sie sehen. Cooper hat uns nicht die wirklichen indigenen Völker Nordamerikas gezeigt. Er hat uns jenes Bild von ihnen hinterlassen, das sich ein weißer Amerikaner des frühen 19. Jahrhunderts machen konnte – ein Bild voller Bewunderung, Irrtum, Sehnsucht und Schuld. Vielleicht ist das nach 175 Jahren sogar interessanter als ein makelloses Denkmal. Makellose Denkmäler gibt es ohnehin nur für Menschen, über die man nicht genau genug Bescheid weiß.

Ein Gedanke zu “Der Mann, der uns die Indianer erfand

  1. Danke für diesen klugen Artikel. In der Kategorie Naturbeschreibung ist Cooper noch immer einer der ganz großen. Und die postkolonialen Puritaner:innen können ja derweil was anderes lesen.

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