Ein Gesicht, das nichts beschönigte

Johannes Krisch (8.12. 1966 – 27.7. 2026) konnte auf der Bühne flüstern, ohne leise zu werden. Im Kino genügte ihm oft ein blick, um bürgerliche Ordnung brüchig erscheinen zu lassen. Nun ist der österreichische Charakterdarsteller nach langer Krebserkrankung im Alter von 59 Jahren gestorben.

Hubert Neudörfl

Es gab Gesichter, die Johannes Krisch spielte, und es gab sein eigenes: schmal, kantig, von tiefen Linien durchzogen, ein Gesicht ohne kosmetische Ausflüchte. Die Kamera musste darin nichts suchen, sie fand sofort. Müdigkeit, Zorn, Trotz, Verletzlichkeit – alles lag offen und war doch nie restlos zu entziffern. Krisch gehörte zu jenen Schauspielern, bei denen man nicht zuerst an Wandlungsfähigkeit dachte, sondern an Wahrhaftigkeit. Er verwandelte sich nicht, indem er verschwand. Er nahm sich mit in jede Rolle und ließ die Figur an diesem unverwechselbaren Körper, an dieser rauen Stimme, an diesem Blick entstehen.

Am 27. Juli ist Johannes Krisch in einem Wiener Krankenhaus gestorben. Er wurde 59 Jahre alt. Seine Agentin berichtete von einem langen Kampf gegen den Krebs; die letzten Monate seien besonders schwierig gewesen. Welche Form der Erkrankung ihn traf, wurde nicht öffentlich gemacht. Krisch hinterlässt seine Ehefrau, die Schauspielerin Larissa Fuchs, und fünf Kinder. 

Dass man ihn einen Charakterdarsteller nannte, war korrekt und zugleich ein wenig bequem. Denn der Begriff klingt nach Nebendarsteller, nach jenem Mann, der in der dritten Szene die Tür öffnet und der Handlung für einige Minuten Schwerkraft verleiht. Krisch hingegen konnte mit seiner bloßen Anwesenheit einen ganzen Film verdunkeln. Er besaß nichts Glattes, nichts Gefälliges. Selbst wenn er schwieg, schien in ihm ein Einspruch vorbereitet zu werden.

Geboren wurde Krisch 1966 in Wien. Er lernte zunächst Tischler – ein biografisches Detail, das im Rückblick beinahe zu schön passt. Das Handwerk blieb seiner Schauspielkunst eingeschrieben: Er kannte das Material, arbeitete gegen dessen Widerstand und vertraute offenbar nie darauf, dass Inspiration allein schon einen tragfähigen Abend ergibt. Nach der Schauspielausbildung kam er über kleinere Bühnen zum Theater und wurde 1989, mit Anfang zwanzig, Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Drei Jahrzehnte blieb er dem Haus verbunden und arbeitete dort unter anderen mit Claus Peymann, Jürgen Flimm, Ruth Berghaus, Hans Neuenfels und Leander Haußmann. Sein Repertoire reichte von Shakespeare und Grillparzer über Nestroy und Horváth bis zu Thomas Bernhard. 

Er war ein Schauspieler der Spannung. Bei ihm schien der Körper stets ein wenig zu eng für das zu sein, was in ihm vorging. Die Schultern konnten abwehrend wirken, die Stimme kehlig und angeschlagen, das Lächeln wie eine vorübergehende Unaufmerksamkeit. Selbst im Stillstand hatte Krisch etwas Gefährdetes. Nicht gefährlich im üblichen Sinn – obwohl er auch das überzeugend sein konnte –, sondern gefährdet von der eigenen Empfindlichkeit, von einer Welt, die seinen Figuren häufig zu nahekam.

2019 wechselte er ins Ensemble des Theaters in der Josefstadt. Dort spielte er unter anderem in „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“, in Eugène Ionescos „Der König stirbt“, als Ludwig in Thomas Bernhards „Ritter, Dene, Voss“ und vor allem den Karl Bockerer. Diese Figur, der Wiener Fleischhauer, der sich mit den Nationalsozialisten nicht arrangieren will, lag ihm auf eine fast beunruhigende Weise nahe: kein blank polierter Held, sondern ein eigensinniger Mensch, dessen moralische Haltung aus Sturheit, Anstand und gesundem Misstrauen erwächst. Für seine Darstellung wurde Krisch 2022 für den Nestroy-Preis als bester Schauspieler nominiert. 

Der frühere Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger nannte ihn nach seinem Tod einen der bedeutendsten Schauspieler seiner Generation. Krisch habe Figuren nicht gespielt, sondern sie im Augenblick erlebt. Das ist einer jener Sätze, die in Nachrufen rasch pathetisch klingen können. Bei Krisch beschreibt er jedoch ziemlich genau das Ereignis seiner Schauspielkunst. Man sah ihm beim Denken zu, beim Zweifeln, beim inneren Zusammenbrechen. Seine Rollen wirkten nie abgeschlossen; sie geschahen vor den Augen des Publikums. 

Dem Kinopublikum prägte er sich besonders mit Götz Spielmanns „Revanche“ ein. Der Film wurde 2009 für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Krisch spielte Alex, einen Ex-Häftling und Handlanger in einem Wiener Bordell, der nach einem missglückten Banküberfall und dem Tod seiner Geliebten von Rache besessen ist. Es war eine Rolle, die seiner Kunst vollkommen entsprach: ein Mann unter Druck, ein Körper voller Gewalt, Trauer und unausgesprochener Schuld. Krisch machte aus Alex keinen coolen Außenseiter. Er zeigte einen Menschen, der sich an seiner Wut festhält, weil darunter nur Verzweiflung wartet. 

In Elisabeth Scharangs „Jack“ verkörperte er den Schriftsteller und Frauenmörder Jack Unterweger. Die Gefahr einer solchen Rolle liegt in der Faszination: Das Kino liebt seine eloquenten Monster und verwechselt Aufmerksamkeit gelegentlich mit Bewunderung. Krisch entzog sich dieser Versuchung. Sein Unterweger war charmant, wenn es der Manipulation diente, und abgründig, ohne zum dämonischen Kunstprodukt zu gerinnen. Für diese Leistung erhielt er 2016 den Österreichischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller. Ein Jahr später wurde ihm der Große Diagonale-Schauspielpreis verliehen; zugleich erhielt er den Berufstitel Kammerschauspieler. 

Er spielte in Marie Kreutzers „Die Vaterlosen“, in Frauke Finsterwalders „Finsterworld“, in Fatih Akins „Aus dem Nichts“, in Terrence Malicks „Ein verborgenes Leben“ und in Elisabeth Scharangs „Wald“. In Adrian Goigingers „Märzengrund“ war er als älterer Elias zu sehen, als Mann, der sich einst aus der Gesellschaft in die Berge zurückgezogen hatte. Wieder eine Krisch-Figur: einer, der nicht recht mit der Welt zurechtkommt, vielleicht weil er sie genauer empfindet als die anderen. Auch internationale Produktionen suchten seine besondere Erscheinung; zuletzt war er in Wes Andersons „Der phönizische Meisterstreich“ als Kardinal zu sehen und gehörte zum Ensemble von Abu Bakr Shawkys „The Stories“.

Im Fernsehen erreichte er ein größeres Publikum, ohne sich dessen Konventionen sichtbar zu unterwerfen. Er spielte in mehreren „Tatort“-Folgen, in „Kottan ermittelt“, „Altes Geld“ und David Schalkos „Braunschlag“. Gerade in Schalkos österreichischen Grotesken war Krisch ideal besetzt: Er verstand, dass die Komik dieses Landes selten weit vom Abgrund entfernt liegt. Seine Figuren mussten keine Pointen ausstellen. Es genügte, dass sie die Verhältnisse ernst nahmen – schon wurden diese lächerlich. 

Krischs Karriere war nicht frei von Brüchen. 2012 stürzte er bei einer Berliner Premiere fast zwei Meter in die Tiefe und erlitt schwere Verletzungen. 2023 musste er aus gesundheitlichen Gründen die Hauptrolle in der Uraufführung von Peter Turrinis „Es muss geschieden sein“ sowie die Leitung der Raimundspiele Gutenstein abgeben. Sein Körper, sagte er später, sei sein Instrument. Der Satz war bei ihm keine Schauspielschulweisheit. Dieser Körper trug die Spuren seiner Arbeit, seiner Verletzungen und zuletzt seiner Krankheit. 

Wie er sich auf einen Bühnenauftritt vorbereite, wurde Krisch einmal gefragt. Seine Antwort: Er spucke dreimal auf den Bühnenboden und klopfe auf Holz. Darin steckt Aberglaube, Schmäh und die handfeste Demut eines Schauspielers, der wusste, dass sich ein gelungener Abend nicht erzwingen lässt. Man kann den Text kennen, die Wege beherrschen, den Körper vorbereiten – und ist dennoch auf jenen unerklärlichen Augenblick angewiesen, in dem eine Figur zu leben beginnt. 

Johannes Krisch war kein Schauspieler für die makellose Oberfläche. Er brachte Risse mit, auch dann, wenn im Drehbuch keine vorgesehen waren. Seine Männer waren oft Versehrte, Schuldige, Aussteiger, Sture und Verlorene. Er sprach ihnen keine Absolution zu. Aber er verweigerte ihnen auch die Verachtung.

Nun fehlt dem österreichischen Theater und Film ein Darsteller, der nicht so tat, als wäre das Menschsein eine übersichtliche Angelegenheit. Einer, dessen Gesicht nichts beschönigte – und gerade deshalb so viel erzählen konnte.

Aufmacherfoto: Katharina Sartena

Hinterlasse einen Kommentar