Herr Arztmann, was wissen Sie über Bruno Kreisky?

Nils Arztmann wurde geboren, als Bruno Kreisky längst Geschichte war. Nun verkörpert der Nestroy-Preisträger in „BRUNO – Der junge Kreisky“ den späteren Bundeskanzler im Alter von 16 bis 27 Jahren. Ein Gespräch über die Annäherung an eine politische Ikone, den Freiraum jenseits der berühmten Stimme, historische Zufälle und vier Jahre Vorbereitung auf eine außergewöhnliche Rolle.

Von Matthias Greuling

Bei Bruno Kreisky hören viele Österreicher zunächst die Stimme, noch bevor sie das Gesicht vor sich sehen: diesen unverwechselbaren Tonfall, die gedehnten Sätze, die Mischung aus Ironie, Ungeduld und staatsmännischer Autorität. Es ist das Bild des älteren Kreisky, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat – des Bundeskanzlers, Weltpolitikers und großen Kommunikators. Nils Arztmann besitzt diese persönliche Erinnerung nicht. Er wurde 1999 geboren, Kreisky war für ihn immer schon eine historische Figur. Eine Persönlichkeit aus Büchern, Fernsehausschnitten und Erzählungen.

Gerade darin liegt die Pointe seiner Besetzung. In Harald Sicheritz’ Film „BRUNO – Der junge Kreisky“ spielt Arztmann nicht den fertigen Politiker, sondern einen jungen Menschen, der erst herausfinden muss, wer er sein will. Der Film begleitet Kreisky vom 16. bis zum 27. Lebensjahr: vom Sohn einer wohlhabenden jüdischen Wiener Familie zum politisch entschlossenen Sozialisten, vom Jugendlichen mit großen Vorstellungen von Gerechtigkeit zum Verfolgten des austrofaschistischen Regimes, der mehrmals im Gefängnis landet und schließlich ins schwedische Exil fliehen muss.

Arztmann steht damit vor einem besonderen Problem des biografischen Films. Er kennt das Ende dieser Lebensgeschichte, darf es aber nicht ständig vorwegnehmen. Er weiß, dass aus diesem Jugendlichen einmal ein Bundeskanzler werden wird. Seine Figur weiß es nicht. Selbst die berühmte Stimme, die Gestik und der Kreisky’sche Sprachduktus können nur bedingt als Vorlage dienen, denn all das entwickelte sich erst später.

Für den 1999 in Wien geborenen Schauspieler fällt die Rolle in eine Zeit des rasanten Aufstiegs. Nach seiner Ausbildung am Max Reinhardt Seminar wurde er Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt. 2025 erhielt er für seine Doppelrolle als Adam und Leo in Matthew López’ „Das Vermächtnis“ den Nestroy als bester Schauspieler. Nun trägt er einen Kinofilm in der Titelrolle. Dass er den jungen Kreisky spielen würde, wusste er bereits vier Jahre vor Beginn der Dreharbeiten. Es blieb also viel Zeit, um zu lesen, Aufnahmen zu studieren und gemeinsam mit Harald Sicheritz nach dem Menschen vor der Ikone zu suchen.

Nils Arztmann (links) mit Journalist Matthias Greuling beim Interview. Foto: Katharina Sartena

Was wussten Sie über Bruno Kreisky, Herr Arztmann?

Nils Arztmann: Bruno Kreisky war natürlich kein Zeitgenosse von mir. Als ich geboren wurde, war er bereits tot. Trotzdem wusste ich auch davor schon relativ viel über ihn – allerdings fast ausschließlich über den älteren Kreisky, den Bundeskanzler und die öffentliche Figur. Über seine Jugend wusste ich wesentlich weniger. Das, was ich heute über den jungen Kreisky weiß, habe ich mir für diese Rolle angelesen und erarbeitet.

Sie spielen einen Mann, dessen Name in Österreich beinahe jeder kennt. Ist das zunächst eine Belastung oder eher ein Geschenk?

Einerseits ist es wahnsinnig toll, weil man weiß, was aus diesem Menschen später geworden ist. Man spielt keine völlig erfundene Figur, sondern jemanden, der tatsächlich gelebt hat und über den sehr viel Material existiert. Man kann lesen, man kann sich Aufnahmen ansehen und sich ausführlich mit seinem Leben beschäftigen. Für mich als Schauspieler ist das ein Geschenk, weil es einem sehr viel Futter für die Rolle gibt.

Gleichzeitig kennt das Publikum vor allem den alten Kreisky. Macht das die Aufgabe leichter?

Es gibt mir zumindest eine gewisse Freiheit. Die meisten Menschen kennen die spätere Ikonografie Kreiskys: seine Stimme, seine Gesten, seinen Tonfall, seine gesamte Erscheinung. Beim jungen Kreisky ist das anders. Da kann niemand mit Sicherheit sagen: In dieser Situation hat er genau so gesprochen oder sich genau so bewegt. Auch der berühmte Sprachduktus hat sich erst später entwickelt. Ich muss daher nicht versuchen, den älteren Kreisky als jungen Mann zu imitieren.

Die Versuchung wäre wahrscheinlich groß, schon in den Jugendlichen den späteren Staatsmann hineinzuspielen.

Natürlich weiß man beim Spielen immer, was aus ihm werden wird. Aber der junge Kreisky weiß das selbst noch nicht. Genau das ist interessant. Man erzählt einen Menschen, der sich erst entwickelt, Erfahrungen sammelt und seine Überzeugungen findet. Gleichzeitig erkennt man in manchen Situationen vielleicht bereits Eigenschaften, die später wichtig werden. Aber man darf die fertige politische Ikone nicht einfach über den jungen Menschen stülpen.

Wie nähert man sich einer historischen Persönlichkeit, an die man selbst keine Erinnerung besitzt?

Zum Glück gibt es sehr viel Material. Kreisky hat seine Erinnerungen geschrieben, es existieren Videoaufnahmen von ihm, und auch über die politische und gesellschaftliche Situation, in der er aufgewachsen ist, kann man sehr viel nachlesen. Ich habe mich intensiv mit seinen Memoiren und mit der Zeit beschäftigt. Natürlich zeigen die Filmaufnahmen meistens den älteren Kreisky. Trotzdem helfen sie dabei, ein Gefühl für diesen Menschen zu entwickeln.

Haben seine Memoiren Ihren Blick auf das Drehbuch verändert?

Ja, und zwar sehr. Beim ersten Lesen des Drehbuchs dachte ich bei manchen Ereignissen: Das ist jetzt aber schon sehr dramatisch verdichtet worden. Wenn man dann Kreiskys Erinnerungen liest, stellt man fest, dass vieles tatsächlich so passiert ist. Das wirkliche Leben war manchmal dramatischer, als man es für einen Film erfinden würde.

Bruno Kreisky (Nils Arztmann) wird von der Polizei festgenommen. Foto: Alamode/Petro Domenigg

An welche Begebenheit denken Sie dabei besonders?

Da gibt es etwa die Geschichte mit seinem Reisepass. Eine Freundin verlor den Pass, wodurch Kreisky schließlich ins Gefängnis kam. Beim Lesen des Drehbuchs wirkt so etwas zunächst wie eine dramaturgisch zugespitzte Wendung. Dann entdeckt man, dass genau solche Zufälle in seinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Das fand ich wahnsinnig spannend: Viele Szenen, die wie klassische Filmdramaturgie aussehen, sind sehr nahe an den historischen Ereignissen.

Der Film zeigt Kreisky zwischen seinem 16. und seinem 27. Lebensjahr. Wie lässt sich eine Entwicklung über elf Jahre hinweg darstellen?

Das ist eine große Herausforderung, weil in diesen elf Jahren sehr viel passiert. Jede Szene besitzt eine andere Energie, und in jeder Szene geht es um etwas Konkretes. Er ist am Anfang ein anderer Mensch als am Ende. Wir zeigen unterschiedliche Lebensphasen, Erfahrungen und politische Situationen. Ich hoffe, dass sich das, was wir für die einzelnen Bilder und Szenen gefunden haben, am Ende zu einer nachvollziehbaren Entwicklung verbindet.

Wie sehr hilft Ihnen das historische Kostüm dabei, diesen jungen Mann zu finden?

Sehr. Bei dieser Rolle ist es vor allem das Gewand, weil es sofort eine andere Körperlichkeit erzeugt. Wenn man die ganze Zeit einen Anzug trägt, bewegt und hält man sich automatisch anders. Dazu kommt, dass nicht alle Menschen um Kreisky herum so gekleidet sind. Schon dadurch wird sichtbar, aus welchem Milieu er stammt und dass er in manchen Situationen anders wahrgenommen wird als die Menschen in seiner Umgebung.

Beim Dreh im Wiener Filmcasino: Cast & Crew von „Bruno – Der junge Kreisky“. Foto: Katharina Sartena

Kreisky kam aus einem wohlhabenden Elternhaus und suchte dennoch die Nähe zur sozialistischen Arbeiterjugend. Erzählt der Anzug auch von dieser Distanz?

Auf jeden Fall. Das Kostüm ist nicht bloß eine historische Verkleidung. Es erzählt etwas über Herkunft, gesellschaftliche Stellung und über das Verhältnis einer Figur zu ihrer Umgebung. Wenn Kreisky im Anzug unter Menschen steht, die anders gekleidet sind, entsteht sofort eine Spannung. Diese äußeren Unterschiede helfen dabei, auch die inneren Konflikte der Figur zu verstehen.

Was bewirken die historischen Schauplätze und Kulissen?

Sehr viel. Wenn man vollständig kostümiert und geschminkt ans Set kommt und plötzlich in diesen historischen Räumen steht, ist man sofort woanders. Man saugt die Atmosphäre auf, und es entsteht eine andere Energie. Manche Szenen könnte man nicht auf dieselbe Weise spielen, wenn man nicht tatsächlich an einem solchen Ort stehen würde. Das Kostüm, die Maske und das Szenenbild nehmen einem einen Teil der Arbeit ab, weil die Welt um einen herum plötzlich glaubwürdig vorhanden ist.

Nicht nur Kreisky ist eine österreichische Ikone. Auch Harald Sicheritz hat mit Filmen wie „Muttertag“ das kulturelle Gedächtnis des Landes geprägt. Sind Sie mit seinen Filmen aufgewachsen?

Ja, ich habe seine Filme gesehen. „Muttertag“ läuft bei uns zu Hause tatsächlich bis heute an jedem Muttertag. Seine Arbeiten waren also schon lange ein Begriff für mich, bevor wir einander begegnet sind.

Bruno Kreisky war in bewegten Zeiten politisch aktiv. Foto: Alamode/Petro Domenigg

War es einschüchternd, plötzlich mit einem Regisseur zu arbeiten, dessen Filme zur eigenen Familiengeschichte gehören?

Nein, die Arbeit mit Harald ist toll. Er hat sich sehr lange und intensiv mit diesem Projekt beschäftigt und weiß ganz genau, was er will. Das gibt einem als Schauspieler große Sicherheit. Gleichzeitig schafft er es, uns Freiheit zu lassen. Wir können unterschiedliche Varianten ausprobieren und innerhalb einer Szene nach anderen Möglichkeiten suchen. Diese Verbindung aus Klarheit und Offenheit ist etwas Besonderes.

Sie wussten bereits vier Jahre vor den Dreharbeiten, dass Sie Kreisky spielen würden. Wie gestaltet sich eine derart lange Vorbereitung?

Harald und ich haben in dieser Zeit sehr viel über die Figur gesprochen. Er war immer offen, auch wenn ich eigene Gedanken oder Vorschläge eingebracht habe. Man konnte gemeinsam nachdenken und sich langsam an die Rolle annähern. Dieses Vertrauen war von Anfang an da. Und auch während der Dreharbeiten blieb die Möglichkeit bestehen, etwas Neues auszuprobieren.

Zur Person: Nils Arztmann wurde 1999 in Wien geboren und studierte von 2018 bis 2022 Schauspiel am Max Reinhardt Seminar. Bereits vor seiner Ausbildung stand er unter anderem am Volkstheater und am Schauspielhaus Wien auf der Bühne. Seit 2023 gehört er zum Ensemble des Theaters in der Josefstadt. Für seine Doppelrolle in Matthew López’ „Das Vermächtnis“ wurde er 2025 mit dem Nestroy als bester Schauspieler ausgezeichnet. In Harald Sicheritz’ Kinofilm „BRUNO – Der junge Kreisky“ spielt er die Titelrolle.

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