50 Jahre VHS: Als Filme noch Gewicht hatten

Vor fünfzig Jahren, am 9. September 1976, wurde die erste VHS-Kassette präsentiert. Damit begann die Geschichte eines revolutionären technischen Formats und die stille Revolution des Sehens. Das Fernsehen verlor erstmals einen Teil seiner Macht über die Zeit. Zurückspulen in eine andere Ära.

Von Matthias Greuling

Mit VHS („Video Home System“) wurde ein Film aus dem Programmfluss herausgelöst, speicherbar, wiederholbar, sammelbar. Und für eine ganze Generation wurde aus dem Zuschauer langsam ein Archivar. Ich war einer davon. In meiner Jugend besaß ich mehr als fünfhundert VHS-Kassetten. Vielleicht waren es am Ende sechshundert, vielleicht etwas weniger. Es spielt keine große Rolle. Entscheidend ist: Sie füllten Regale. Sie standen zweireihig in Schränken, lagen in Kartons, zogen bei Wohnungswechseln mit und beanspruchten einen Platz im Leben, wie ihn heute kein Streaming-Abo mehr für sich verlangen könnte.

Nahaufnahme eines VHS-Bands, das durch das Sichtfenster eines Videorekorders sichtbar ist.
Spule hinter Plastik-Glas: Detail einer VHS-Kassette. Foto: Greuling

Fast alle waren bespielt, mit Spielfilmen vor allem, aufgenommen aus dem Fernsehen. Klassiker, Thriller, Komödien, Western, Science-Fiction, Horrorfilme, Filme, die längst vergessen sind, und Filme, die man heute in restaurierter 4K-Fassung auf Knopfdruck abrufen kann. Damals aber waren sie Ereignisse. Man wartete auf ihre Ausstrahlung. Das Fernsehprogramm war ein Fahrplan der Sehnsüchte. Ich studierte Programmzeitschriften, markierte Filme und plante Aufnahmen. Danach begann die eigentliche Arbeit: War auf einer Kassette noch genug Platz? Welche Aufnahmegeschwindigkeit sollte man wählen? Wo endete der vorige Film? Musste man fünf Minuten Sicherheitsreserve programmieren oder besser zehn, weil sich der Sender wieder einmal nicht an seine eigene Beginnzeit halten würde?

Und wenn der Film aufgenommen war, wurde er beschriftet, nicht beiläufig, sondern systematisch. Titel, Sender, manchmal Jahr, Laufzeit, Kassettennummer. Aus Fernseh- und Filmzeitschriften schnitt ich Kritiken, Fotos oder Inhaltsangaben aus und klebte sie auf die Hüllen. Manche Kassetten bekamen fast kleine Dossiers. Es war eine merkwürdige Mischung aus Bibliothek, Filmarchiv und Kinderzimmer-Bürokratie. Heute würde man dafür vielleicht den Begriff „kuratieren“ verwenden. Damals nannte man es nicht so. Man tat es einfach. Gerade darin liegt eine der großen Veränderungen unserer Medienkultur: Das Sammeln von Filmen war einmal mit Arbeit verbunden. Man musste auswählen, warten, aufnehmen, beschriften, ordnen. Besitz entstand nicht durch einen Klick, sondern durch körperlichen Aufwand.

Eine Ansammlung von VHS-Kassettenboxen verschiedener Marken wie Kodak, TDK, Scotch und GoldStar, die mit unterschiedlichen Designs und Beschriftungen gestaltet sind.
Markenvielfalt: Unzählige Hersteller boten die Bänder an. Foto: Bruno Guerrero/Unsplash

Natürlich war das technisch alles andere als vollkommen. VHS war ein miserables Medium, wenn man heutige Maßstäbe anlegt. Die Auflösung war gering, die Farben konnten weich und ungenau wirken, Konturen verschwammen. Je älter das Band wurde, desto häufiger tauchten Störungen auf: kleine weiße Streifen, Flimmern, Bildsprünge. Ein vielgesehener Film alterte sichtbar. Gerade das erscheint mir rückblickend interessant. Die Kassette trug ihre Nutzungsspuren mit sich herum. Ein Band war kein neutrales Speichermedium. Es bekam eine Biografie. Man konnte sehen, dass ein Film oft abgespielt worden war. Digitale Bilder dagegen altern nicht, jedenfalls nicht auf diese Weise. Die Datei bleibt identisch, solange sie lesbar ist. Der hundertste Aufruf sieht aus wie der erste. Der Verschleiß ist aus unserer Kultur verschwunden.

Damit ist auch etwas anderes verschwunden: das sichtbare Verhältnis zwischen Mensch und Gegenstand. Eine VHS-Kassette konnte zerkratzt sein, ihr Etikett vergilben, die Hülle brechen. Sie konnte nach einem Jahrzehnt aussehen, als hätte sie ein Leben hinter sich. Eine Netflix-Kachel kennt kein Alter. VHS dagegen machte Filme zu Gegenständen. Man konnte sie aus dem Regal nehmen, in der Hand halten, weitergeben, verleihen, verlieren. Man konnte eine Kassette falsch beschriften und Jahre später rätseln, was darauf aufgenommen war. Filme hatten ein Gewicht, und sie machten Geräusche. Das Einschieben einer VHS-Kassette war ein mechanischer Vorgang. Der Rekorder nahm sie entgegen, zog sie ins Gerät, spannte das Magnetband um die Kopftrommel. Es klackte, surrte und arbeitete. Ein Philips Videorekorder klang ganz anders als einer von Sony. Man hätte daraus eine „Wetten, dass…?“-Wette machen können: Die Videorekorder-Marke an den Geräuschen zu erkennen. 

Daewoo VHS-Recorder Modell ST120W auf einem Tisch, mit Funktionen wie Auto-Head-Cleaner und Kindersicherung.
VHS-Rekorder unterschiedlicher Marken erkannte man am Klang des Motors, der das Band einzog. Foto: Zulfugar Karimov/Unsplash

Auch das Zurückspulen gehörte zum Ritual. Nach dem Film drückte man „Rewind“, und der Rekorder begann zu rauschen. Das Band raste zurück, bis nach einigen Minuten ein sattes Klacken verkündete, dass der Film wieder am Anfang war. Das klingt banal. Aber gerade solche scheinbar unbedeutenden Handlungen schufen einen Umgang mit Medien, der sich fundamental von unserer heutigen Nutzung unterscheidet. Sehen war nicht reibungslos. Man musste etwas tun. Wie der Filmvorführer im Kino, der die schweren Filmrollen auf den Teller legte. Obwohl Magnetband, war die VHS näher an der klassischen Filmprojektion als jedes andere Filmmedium. 

Der vielleicht größte Umbruch, den VHS brachte, lag aber in der Verfügung über die Zeit.

Vor dem Videorekorder war Fernsehen ein autoritäres Medium. Wenn ein Film am Donnerstag um 21.10 Uhr ausgestrahlt wurde, dann war Donnerstag um 21.10 Uhr seine Zeit. Wer nicht vor dem Fernseher saß, verpasste ihn. Der Sender bestimmte den Rhythmus. VHS brach dieses Prinzip auf. Plötzlich konnte man aufnehmen, während man schlief. Man konnte den Film am nächsten Nachmittag sehen, ihn unterbrechen, zurückspulen und noch einmal anschauen. Der Zuschauer wurde zum Programmchef. Heute erscheint uns das selbstverständlich. In den siebziger und achtziger Jahren war es eine Befreiung. Es war vielleicht die erste große Etappe jener Individualisierung des Medienkonsums, die später mit DVD, Festplattenrekordern, Downloads und Streamingdiensten vollendet wurde – nur mit einem entscheidenden Unterschied: Damals führte mehr Freiheit zugleich zu mehr Besitz. Heute führt sie häufig zum Gegenteil.

Ein Regal mit VHS-Kassetten, darunter mehrere Kopien von 'Beetlejuice' mit Michael Keaton, sowie andere Horrorfilme der 80er und 90er Jahre.
Bunte Vielfalt, als Filme noch Gewicht hatten. Foto: Guerrero/Unsplash

Streaming verspricht universelle Verfügbarkeit. Tatsächlich besitzen wir fast nichts mehr. Wir kaufen Zugänge. Ein Film kann heute verfügbar sein und morgen verschwinden, weil Lizenzverträge auslaufen. Serien wechseln Plattformen. Fassungen werden ausgetauscht. Anbieter verschwinden. Digitale Bibliotheken sehen nach Besitz aus, sind aber oft nur temporäre Schaufenster. Meine VHS-Kassette dagegen stand im Regal. Das Bild war schlecht, aber der Film war da. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum diese Plastikkassetten im Rückblick eine beinahe absurde emotionale Kraft entwickeln. Sie waren materielles Gedächtnis.

Wer fünfhundert Kassetten besaß, besaß nicht fünfhundert austauschbare Datenpakete. Jede Kassette hatte eine Geschichte. Ich wusste, auf welchem Band welcher Film lag. Ich kannte die Handschrift auf den Etiketten. Ich wusste, welche Kassette von BASF war, welche von TDK oder Maxell. Manche Kassetten trugen zwei Filme, andere drei. Manchmal war am Ende noch eine halbe Stunde übrig, die irgendwann mit irgendeiner Fernsehsendung gefüllt wurde. Speicherplatz war sichtbar, er war begrenzt, und deshalb musste man Entscheidungen treffen: Was ist es wert, aufgenommen zu werden? Was lösche ich? Was behalte ich? Diese Fragen wirken heute fast exotisch. Wir leben in einer Kultur, die nicht mehr unter Mangel leidet, sondern unter Überfluss. Das Problem des digitalen Zeitalters lautet nicht mehr: Wie bekomme ich diesen Film? Es lautet: Welchen der zehntausend Filme soll ich ansehen?

Der Unterschied ist größer, als es zunächst scheint. Mangel erzeugt Bedeutung. Wer zwei Jahre darauf wartet, dass ein bestimmter Film endlich im Fernsehen läuft, sieht ihn anders als jemand, der nach fünf Minuten entscheidet, doch lieber die nächste Streaming-Kachel anzuklicken. Damit soll die Vergangenheit keineswegs idealisiert werden. VHS konnte nerven. Aufnahmen begannen zu spät, die „ShowView“-Zeiten waren falsch programmiert, Filme liefen länger als angekündigt, Sender schnitten Abspänne ab oder unterbrachen Spielfilme mit Werbung. Der klassische Horror meiner Generation bestand aus einem Film, der zehn Minuten vor Schluss im Schneegestöber endete, weil das Band voll war: Der Mörder war beinahe entlarvt, der Held stand kurz vor der Wahrheit – und dann war Schluss.

Nahaufnahme eines weißen Plastikteils mit Zähnen, das auf einem schwarzen Hintergrund zu sehen ist.
Zurückspulen bitte: Nötigenfalls per Hand, wenn der Bandsalat einmal angerichtet war. Die VHS-Kenner wissen, welchen Knopf man dazu drücken musste. Foto: Greuling

Es gab auch Bandsalat. Allein dieses Wort dürfte Menschen unter dreißig inzwischen erklärungsbedürftig erscheinen. Das Band verhedderte sich im Rekorder, die Kassette ließ sich nicht mehr auswerfen, und plötzlich hing dünnes braunes Magnetband aus dem Gerät. Man reparierte Filme damals tatsächlich. Vorsichtig zog man das Band heraus, drehte die Spulen mit dem Finger und hoffte, dass die beschädigte Stelle die entscheidende Szene verschont hatte. Auch das war Teil dieser merkwürdigen Nähe zum Medium. Ein technischer Fehler war nicht abstrakt. Man konnte ihn anfassen.

Mit Super VHS kam Ende der achtziger Jahre dann der große Traum von der besseren Zukunft. S-VHS bot deutlich höhere Bildschärfe, und für Menschen, die Filme sammelten und archivierten, war das tatsächlich ein Qualitätssprung. Plötzlich entstand eine neue Hierarchie: Welcher Film war wichtig genug, um auf einer teureren S-VHS-Kassette aufgenommen zu werden? Auch darin zeigt sich, wie stark die Materialität unsere Entscheidungen prägte. Qualität kostete nicht bloß Geld, sie beanspruchte Platz und verlangte Auswahl. Das Digitale hat diese Mechanik beseitigt. Speicher wurde immer billiger, immer unsichtbarer und schließlich praktisch unbegrenzt.

Cover eines Filmes namens 'Amadeus', mit den Hauptfiguren und dem Titel, der 8 Oscars als bester Film auszeichnet.
Die schönste, die beste, die einzig wahre Fassung von „Amadeus“ gab es für den Autor nur auf dieser VHS-Kassette. Foto: Greuling

Was dabei verloren ging, war nicht unbedingt Qualität. Im Gegenteil: Noch nie konnten wir Filme technisch so gut sehen wie heute. Ein restaurierter Klassiker in 4K schlägt jede VHS-Aufnahme um Welten. Niemand, der bei klarem Verstand ist, wird ernsthaft behaupten, ein verrauschtes Fernsehbild aus dem Jahr 1989 sei ästhetisch überlegen. Aber Qualität ist nicht dasselbe wie Beziehung. Die VHS-Fassung von Milos Formans „Amadeus“, die ich besaß, hatte eine deutsche Synchronfassung auf Band, die niemals woanders erschienen ist – nicht auf DVD, nicht im Directors Cut, nicht auf Blu-ray. Sie aber war die Fassung, die mich diesen Film anbeten ließ. Diese VHS-Kassette war die einzig wahre Beziehung, die richtige Tonalität zu diesem Film, alle anderen Fassungen waren wie Remakes. Vielleicht erklärt das meine Erinnerung an jene fünfhundert Kassetten. Sie waren nicht deshalb wertvoll, weil ihre Bilder so gut waren. Sie waren wertvoll, weil ich etwas mit ihnen gemacht hatte. Ich hatte die Filme gesucht, auf sie gewartet, sie aufgenommen, die Hüllen gestaltet, Texte ausgeschnitten und aufgeklebt. Ich hatte ein Archiv gebaut.

Nicht das Archiv der Filmgeschichte, sondern mein Archiv. Das ist ein wichtiger Unterschied. In einer offiziellen Filmsammlung stehen die bedeutenden Werke. In einer privaten Sammlung stehen die Filme, die für den Besitzer bedeutend waren. Dazwischen liegen Welten. Ein mittelmäßiger Thriller konnte neben Hitchcock stehen, weil man ihn mit sechzehn liebte. Eine alberne Komödie konnte denselben Platz erhalten wie ein Klassiker, weil sie zu einem bestimmten Sommer gehörte. „Die drei Musketiere“ von 1993 stand neben Hitchcocks „Psycho“, Godards „Die Verachtung“ neben „Die unglaubliche Entführung der verrückten Mrs. Stone“. Jede Kassette eine Entdeckung, keine Empfehlung. Das private Filmarchiv war immer auch eine Autobiografie. 

Eine alte Zeitschrift mit Artikeln über den Film 'Schießen Sie auf den Pianisten' von François Truffaut, einschließlich Bildern von Charakteren und Handlung.
Fein säuberlich beschriftet: Visconti und Truffaut teilten sich diese Fuji Super SHG-VHS-Kassette. Foto: Greuling

Heute übernimmt diese Funktion vielleicht der Algorithmus. Er weiß, was wir gesehen haben. Er kennt Genres, Vorlieben, Abbruchstellen und Sehzeiten. Aber er erzählt uns unsere Geschichte nicht, er benutzt sie. Meine VHS-Regale dagegen erzählten meine Geschichte, ohne etwas über mich wissen zu wollen. Vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen der analogen und der digitalen Medienwelt: Die Kassette beobachtete mich nicht. Sie wartete.

Fünfzig Jahre nach der Einführung von VHS wirkt der schwarze Plastikkasten heute wie ein Fossil. Er war schwer, unpraktisch, störanfällig und technisch begrenzt. Aber er markierte einen entscheidenden Moment der modernen Kulturgeschichte. Mit VHS begann der Zuschauer, sich vom Programm zu emanzipieren. Zum ersten Mal konnte eine Generation ihr eigenes Fernsehen bauen. Wir nahmen aus dem flüchtigen Strom der Bilder etwas heraus und entschieden, dass es bleiben sollte. Heute können wir theoretisch alles sehen. Damals konnten wir manches besitzen.

Vielleicht erklärt das, warum ich mich an diese Regale besser erinnere als an jede Benutzeroberfläche eines Streamingdienstes. Irgendwo müsste sogar noch eine dieser alten Kassetten liegen. Vielleicht mit einem vergilbten Ausschnitt aus einer Fernsehzeitschrift auf der Hülle, meiner Handschrift auf dem Rücken und einem Film darauf, den ich heute in zehn Sekunden in wesentlich besserer Qualität finden könnte. Das Bild wäre heute schärfer.

Aber der Film gehörte mir damals mehr.

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