Léa Seydoux: „Wollte einen Platz in der Welt finden“


In Marie Kreutzers „Gentle Monster“ spielt Léa Seydoux eine Pianistin, deren Familienleben durch einen ungeheuerlichen Verdacht zerbricht. Im Gespräch erzählt die französische Schauspielerin von widersprüchlichen Gefühlen, der Sprache der Musik – und davon, weshalb die Schauspielerei für sie einst zu einer Überlebensstrategie wurde.

Von Matthias Greuling

Es beginnt mit einem Haus auf dem Land, das eigentlich ein Rückzugsort werden sollte. Die französische Konzertpianistin Lucy zieht mit ihrem Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn aus der Stadt fort. Philip leidet unter einem schweren Burnout, Lucy stellt ihre eigene Karriere zurück, die Familie hofft auf einen Neuanfang. Doch noch ehe sie sich richtig eingerichtet hat, steht frühmorgens die Polizei vor der Tür. Computer und Festplatten werden beschlagnahmt, Philip gerät unter den Verdacht, Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern gesammelt und verbreitet zu haben. Lucy bleibt zurück – mit einem Kind, das sie schützen muss, und mit der Frage, ob der Mann, den sie liebt, ein völlig anderer ist als jener, den sie zu kennen glaubte.

„Gentle Monster“ lief heuer im Wettbewerb von Cannes, Regisseurin Marie Kreutzer hat das Thema nicht erst seit dem Fall Teichtmeister umgetrieben. Es gibt hier keine direkte Verbindung, wiewohl Teichtmeister als Hauptdarsteller von Kreutzers „Corsage“ nach dem Auffliegen seiner Causa auch für eine veränderte Rezeption des Films gesorgt haben mag.  

Der Film erzählt nicht aus der Perspektive des mutmaßlichen Täters, sondern beobachtet die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung: jene, die ihn lieben, ihm misstrauen, ihn verurteilen oder die Wahrheit zunächst nicht wahrhaben wollen. Lucy wird dabei zur Gefangenen ihrer eigenen Hoffnung. Sie sucht nach einer Erklärung, während jeder Erklärungsversuch bereits wie eine Form der Verdrängung wirkt. Parallel folgt der Film der Ermittlerin Elsa, gespielt von Jella Haase, deren berufliche moralische Gewissheit im eigenen Privatleben an Grenzen stößt. Kreutzer begann bereits 2020 mit der Arbeit am Stoff, angeregt durch einen Zeitungsbericht über einen großen pädokriminellen Ring in Deutschland. Durch Teichtmeister erreicht der Film eine beklemmende Nähe zur Wirklichkeit. 

Das Feuilleton: Wie haben Sie sich dieser Figur angenähert?

Lea Seydoux: Ich habe einige Zeit mit Marie Kreutzer verbracht, um zu proben. Dabei ging es allerdings kaum um die Figur selbst. Wir haben über Menschen gesprochen, die etwas Vergleichbares erlebt haben, und viele Gespräche über das Thema geführt. Marie hat mir aber nie vorgeschrieben, wie ich Lucy zu spielen hätte. Die konkrete Vorbereitung bestand vor allem aus Klavierunterricht, Gesangsproben und der Arbeit an der deutschen Sprache. Als die Dreharbeiten begannen, musste ich dann einfach versuchen, diese Frau zu sein. Ich wollte sie so glaubwürdig und körperlich gegenwärtig wie möglich werden lassen. Denn das, was ihr widerfährt, ist leider keine Fiktion. Solche Situationen existieren.

Der Film führt das Publikum schrittweise an die Wahrheit heran. Zunächst hofft Lucy noch, ihr Mann habe das Material für einen Dokumentarfilm gesammelt. Dann zerfällt eine Erklärung nach der anderen. Wie haben Sie diese verschiedenen Stadien gestaltet?

Entscheidend war für mich, dass das Publikum die Geschichte durch Lucys Augen erlebt. Wir wissen zunächst nicht mehr als sie. Mit ihr begegnen wir den einzelnen Enthüllungen und durchlaufen all diese unterschiedlichen Gefühle. Ich habe nicht versucht, die Entwicklung in sauber voneinander getrennte Etappen zu zerlegen. Lucy erlebt keine geordnete Abfolge von Emotionen. Alles vermischt sich: die Liebe zu diesem Mann, ihr Misstrauen, die Hoffnung, dass er nichts getan haben könnte, ihre Scham und schließlich das Bewusstsein, ein Geheimnis mit sich herumzutragen, über das sie mit niemandem sprechen kann. Gerade dieses Chaos wollte Marie sichtbar machen.

Léa Seydoux als Pianistin Lucy in „Gentle Monster“. Foto: Panda Film

Lucy befindet sich zudem in einem fremden Land. Sie versteht die Sprache und die gesellschaftlichen Codes nur teilweise. Verstärkt das ihre Isolation?

Sehr. Sie ist von ihrem vertrauten Umfeld abgeschnitten und kann vieles um sich herum nicht richtig einordnen. Deshalb war es eine sehr gute Entscheidung von Marie, Lucy zur Künstlerin und Musikerin zu machen. Das Klavier gibt ihr eine unmittelbare Ausdrucksmöglichkeit. Sie kann dort Gefühle artikulieren, die sie nicht in Worte fassen kann. Ihre Verwirrung, ihr Schmerz und ihre Angst fließen in die Musik. Das Klavierspiel ist für sie nicht nur ein Beruf oder eine Fähigkeit, sondern beinahe eine zweite Sprache. Gerade weil sie sprachlich und gesellschaftlich isoliert ist, wird diese Verbindung zum Instrument so wichtig.

Mussten Sie dafür tatsächlich Klavier spielen lernen?

Ja, ich habe intensiv daran gearbeitet. Es ging nicht nur darum, die Bewegungen glaubwürdig auszuführen oder die Musik korrekt zu spielen. Das Klavierspiel musste Teil von Lucys innerem Zustand werden. Man sollte spüren, dass sie sich in die Musik zurückzieht und dort etwas von sich preisgibt, das sie außerhalb dieses Raumes nicht ausdrücken kann.

Die Dialoge wechseln zwischen Französisch, Englisch und Deutsch. War diese Mehrsprachigkeit von Anfang an vorgesehen?

Das Drehbuch, das ich zunächst erhielt, war auf Englisch geschrieben, die Szenen mit Lucys Mutter waren auf Französisch. Erst als wir mit den Dreharbeiten begannen, sagte Marie zu mir: „Du weißt aber schon, dass du auch Deutsch sprechen musst.“ Ich war ziemlich überrascht. Lucy spricht mit der Familie ihres Mannes und mit der Polizei Deutsch. Ich musste diese Passagen phonetisch lernen, was nicht ganz einfach war. Aber ich fand es sehr interessant. Die verschiedenen Sprachen unterstreichen schließlich auch ihre Unsicherheit. Sie kann sich nicht überall mit derselben Präzision ausdrücken und bleibt deshalb immer ein wenig außerhalb der Gemeinschaft.

Auf der Premierenparty in Cannes: Cast & Crew von „Gentle Monster“. Foto: Katharina Sartena

Was hat Sie trotz des verstörenden Themas dazu bewogen, den Film zu machen?

Als mir das Drehbuch geschickt wurde, hieß es zunächst, ich würde die Rolle vielleicht nicht übernehmen wollen, weil ich selbst Mutter bin und der Stoff sehr schockierend sei. Aber als ich das Drehbuch las, wollte ich den Film sofort machen. Ich habe keinen Augenblick gezögert. Der Text war sehr gut geschrieben und vor allem äußerst subtil. Wäre er das nicht gewesen, hätte ich wahrscheinlich abgelehnt. Bei einem solchen Thema ist die Art der Darstellung entscheidend. Der Film darf nicht bloß provozieren oder das Entsetzen ausstellen.

Empfinden Sie bei einem derart sensiblen Stoff eine besondere Verantwortung als Schauspielerin?

Ich glaube, dass man sich als Schauspielerin oder Schauspieler bereits durch die Wahl der Filme engagiert. Die Projekte, für die ich mich entscheide, sind subjektive Entscheidungen. Dieses Thema ist gesellschaftlich außerordentlich wichtig, und heute wird sehr viel offener darüber gesprochen als früher. Das ist notwendig. Zugleich ist es schwierig, einen so ernsten Gegenstand im Kino zu behandeln. Der Film muss ein Film bleiben. Kino ist Kunst und nicht lediglich die Bebilderung eines gesellschaftlichen Problems. Was ich an „Gentle Monster“ schätze, ist, dass der Film nicht vorschnell urteilt. Natürlich erkennt man Maries Haltung, und es war sehr mutig von ihr, diesen Film zu machen. Aber die Geschichte bleibt komplexer und tiefer, als es eine einfache moralische Anklage wäre.

Lucy liebt ihren Mann weiterhin, selbst als der Verdacht gegen ihn immer konkreter wird. Könnte das Publikum ihre Verdrängung nicht auch als moralisches Versagen betrachten?

Natürlich kann man sie dafür verurteilen. Doch wenn man in der Zeitung von einem fremden oder berühmten Menschen liest, der etwas Schreckliches getan hat, fällt das Urteil leicht. Man sagt: Er hat das getan, also ist er ein schlechter Mensch. Wenn jedoch jemand betroffen ist, der zur eigenen Intimität gehört, den man liebt und mit dem man ein Leben aufgebaut hat, wird alles viel widersprüchlicher. Lucy will glauben, dass Philip unschuldig ist. Gleichzeitig wird sie misstrauisch. Sie schämt sich, sie ist allein und sie weiß nicht, wem sie etwas erzählen kann. Aber bei allem, was sie tut, möchte sie ihr Kind schützen. Das war für mich ein entscheidender Zugang zu der Figur. Auch wenn sie ihren Mann liebt und sich zeitweise in Verleugnung flüchtet, bleibt der Schutz ihres Sohnes ihr stärkster Impuls.

Der Film richtet den Blick nicht nur auf Opfer und Täter, sondern auch auf deren Angehörige. Hat Sie diese Perspektive besonders interessiert?

Ja, weil sie eine andere Sichtweise ermöglicht. Marie erzählt die Geschichte einerseits durch Lucys Augen, andererseits durch jene der Ermittlerin Elsa. Diese beiden Frauen befinden sich in sehr unterschiedlichen Situationen und sind doch miteinander verbunden. Elsa begegnet dem Fall beruflich. Sie kennt die Fakten und weiß, wie sie diese einzuordnen hat. Lucy hingegen erlebt den Zusammenbruch ihres privaten Lebens. Gerade die Parallele zwischen diesen beiden Frauen ist sehr interessant. Beide müssen sich mit Dingen auseinandersetzen, die sie lieber nicht sehen würden, und beide tragen Verantwortung für andere Menschen. Ein Film aus männlicher Perspektive wäre vermutlich ein völlig anderer geworden.

Marie Kreutzer begann mit der Arbeit an „Gentle Monster, bevor der Fall Florian Teichtmeister öffentlich wurde. Wussten Sie von dieser Verbindung?

Nein, zunächst wusste ich nichts davon. Marie hat mir später erzählt, was geschehen war, und ich war sehr erschüttert. Ich verstand dann auch, weshalb die Umsetzung dieses Films für sie noch dringlicher geworden war. Die Idee war schon lange zuvor entstanden, aber plötzlich hatte die Realität den Stoff auf eine Weise eingeholt, mit der niemand rechnen konnte. Das verändert natürlich den Blick auf das Projekt, auch wenn der Film keine direkte Darstellung dieses konkreten Falles ist.

Sie arbeiten seit vielen Jahren mit sehr unterschiedlichen Regisseurinnen und Regisseuren. Was haben Sie durch „Gentle Monster“ und durch Ihre bisherigen Rollen über die Schauspielerei gelernt?

Das Kino war für mich immer eine Möglichkeit, mich selbst zu bilden. Als Kind wollte ich eigentlich nie Schauspielerin werden. Ich glaube, ich wollte vor allem existieren. Die Welt erschien mir damals sehr chaotisch, und ich war als Kind ziemlich verloren. Das Spielen hat mir geholfen, Teil dieser Welt zu werden und einen eigenen Platz darin zu finden. Für Lucy ist es das Klavier, für mich ist es die Schauspielerei. Durch sie kann ich mich ausdrücken. Das war für mich nie bloß ein Berufswunsch, sondern etwas Lebensnotwendiges. Ich denke bei einer Rolle deshalb nicht, dass ich mich auf eine Figur zubewegen und mich in etwas völlig Fremdes verwandeln müsste. Ich versuche eher, die Figur zu mir zu holen. Mich interessiert, was ich als Mensch durch sie ausdrücken kann.

Das Kino hat mir geholfen, mich selbst zu befragen und bestimmte Dinge besser zu verstehen – oder zumindest zu akzeptieren, dass ich sie nicht verstehe. Mich berührt die Erforschung der menschlichen Natur, gerade dort, wo Menschen widersprüchlich und schwer zu beurteilen sind.

Regisseurin Marie Kreutzer beim Interview in Cannes. Foto: Katharina Sartena

Denken Sie auf dem roten Teppich manchmal an das verlorene, von der Welt überforderte Kind, das Sie einmal waren?

Ja, natürlich. Eigentlich denke ich immer daran. Man kann sich entwickeln, aber im Innersten verändert man sich nicht vollständig. Wir bestehen aus unserer Erziehung, unserer Kindheit und auch aus unseren Verletzungen. Manchmal fühlt es sich tatsächlich an, als könnte ich dieses jüngere Ich umarmen. Ich empfinde es als großes Glück, einen Beruf ausüben zu dürfen, in dem man sich ausdrücken kann. Das ist ein Privileg. Ich darf an schönen Filmen mitarbeiten und Dinge erzählen, die wichtig sind. Auf „Gentle Monster“ bin ich deshalb besonders stolz.

„Gentle Monster“ startet am 17. September 2026 in den österreichischen Kinos.

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